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Für eine bedürfnisgerechte Vergesellschaftung!

„In einer höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft, nachdem die knechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit, damit auch der Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit verschwunden ist […]- erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahnen schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“ (Marx, K.: Kritik am Gothaer Programm. MEW 19. S.21)
In der gegenwärtigen Krise, die ganz offensichtlich nicht allein auf eine Krise der Finanzmärkte herunter zu brechen ist, offenbaren sich die viel tiefer liegenden gesellschaftlichen Widersprüche. In dieser Krise wirken verschiedene Krisen wechselseitig aufeinander ein und beschleunigen die Krisendynamik. Die globale Krise stellt somit eine transnationale Krise kapitalistischer Produktions- und Reproduktionsverhältnisse dar, die durch ihre innerste Dynamik – dem Streben nach Profit – in eine tiefe Krise geraten ist. Es offenbart sich eine Krise der Lohnarbeit, eine Krise der politischen Repräsentation und eine tiefe Krise der sozialen Reproduktion.

Nein! Basta! Es reicht!
Die vielen Kämpfe um Existenz, soziale Sicherung, Energieversorgung, bezahlbaren Wohnraum, Gesundheitsversorgung, politische Partizipation, geschlechtliche Gleichberechtigung und Emanzipation überall auf dem Globus sind ein Anzeichen für die rapide Dynamik sozialer Zuspitzungen im Kampf vieler Menschen um ein anderes, ein besseres Leben. Die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft steckt damit in einer tiefen sozialen Krise. Gesellschaftliche Kräfteverhältnisse und soziale Kämpfe werden darüber entscheiden, welches Projekt aus dieser Krise entstehen wird. All die gegenwärtigen antagonistischen Kämpfe zeigen punktuelle Formen des Widerstandes gegen das derzeitig herrschende Projekt und wir als radikale Linke haben Hoffnungen, Wünsche und Vorstellungen wie eine andere Form des gesellschaftlichen Lebens aussehen kann, die sich nicht an ewigem Leistungsterror, Konkurrenzdruck und Profitinteressen orientiert. Allerdings müssen wir hierfür unsere Kapitalismuskritik und kritische Gesellschaftstheorie mit dem ‚Persönlichen‘ verbinden. Keine leichte Aufgabe, da dieses divers, heterogen und konfliktträchtig ist, auch in linken Debatten häufig ausgeblendet wurde und somit keinen Bestandteil der grundlegenden politischen Debatten zur gesamtgesellschaftlichen, linksradikalen Transformation darstellt. Dies aufzubrechen, sowohl gesamtgesellschaftlich, aber vor allem beginnend in unseren eigenen Organisierungen, muss weiter forciert werden. Trotz vieler Interventionen, die Politikmodi und Verhältnisse innerhalb linker Organisierungen schon progressiv veränderten, bleibt das Thema Bedürfnisse weiter weitgehend ins Private abgeschoben, wird zu persönlichen Befindlichkeiten umgedeutet oder wird als zu komplex für politische Debatten in linken, gemischtgeschlechtlichen Gruppen und Organisierungen – wie der interventionischen Linken – angesehen. 

Was wir daher in den Blick nehmen wollen, ist eine Vergesellschaftung, die sich nach den Bedürfnissen und Interessen eben derer richtet, die stets und ständig am produzieren und reproduzieren sind und damit den gesellschaftlichen Reichtum schaffen. Uns geht es demnach einmal um eine radikale Umverteilung. Darüber hinaus geht es uns aber um noch viel mehr, nämlich um die Sichtbarmachung des Unsichtbaren, sprich der gesellschaftlichen Arbeit die alltäglich un- bzw. unterbezahlt, ohne gesellschaftliche Anerkennung geleistet wird, aber unumstößlich gesellschaftlich notwendig ist: die Reproduktionsarbeit. Neben der Frage wer diese Arbeit, wo, wie und unter welchen Bedingungen macht, sehen wir vor allem die Dringlichkeit in einer Erweiterung des Arbeitsbegriffes und Arbeitsverständnisses.

Denn auch im linken Milieu bleibt die Thematisierung dieser lebenserhaltenden, elementaren Arbeit unterbelichtet oder wird gar nicht erst erwähnt, weil sie nicht Teil des orthodox marxistischen Produktionskreislaufes ist – damit keinen Wert produziere – und unter dem Schleier des ‚Privaten‘ stattfindet. Doch eine radikale Kapitalismuskritik, darf der Grundkonstitutive bürgerlich- kapitalistischer Vergesellschaftung, namentlich die gesellschaftliche Trennung von öffentlich und privat, nicht auf den Leim gehen. Sie muss die realen Effekte dieser Trennung sichtbar machen, wie die strukturelle Benachteiligung von Frauen in der Erwerbsarbeit, die schlechtere Bezahlung von Frauen bei gleicher Arbeit, die Zuweisung von Pflege-, Sorge- und Hausarbeit an Frauen und die Delegation von Reproduktionsarbeit an MigrantInnen im Kontext eines transnationalen Migrationsregimes.

Unsere Strategien für eine mögliche revolutionäre Realpolitik, in Rosa Luxemburgs Sinne, dürfen diese Trennung nicht reproduzieren, genauso wenig wie sie nur national fokussiert sein können! Strategien mit emanzipatorischem Potenzial sollten vor dem Hintergrund und der Anerkennung sich verändernder Lebens- und Arbeitsverhältnisse und vor allem unser aller Bedürfnisse nach zwischenmenschlicher Sorge und Pflege sowie individueller Reproduktion entwickelt werden. Dementsprechend ist für uns eine feministische, sozialrevolutionäre Perspektive auf eine antikapitalistische Form der Vergesellschaftung zentral, in der wir die Thematisierung von Reproduktionsarbeit und Care Arbeit aus der Deckung holen: Für einen Schritt vorwärts innerhalb linken Denkens, aber vor allem darüber hinaus. Unter Care Arbeit verstehen wir „sorgende Arbeit“, d.h. Versorge-, Vorsorge-, Fürsorge-, Entsorge-, Besorge- und Umsorge- Arbeit [Maler 2010]. All das, was Menschen tun, um eigene Bedürfnisse, sich selbst, andere und gesellschaftliche Zusammenhänge als lebensfähig herzustellen und zu erhalten. Diese Arbeit findet dabei nicht ausschließlich, aber zu einem großen Teil im sogenannten Privathaushalt statt. Das führt zum Einem zur relativen Unsichtbarkeit dieser Arbeit und derjenigen, die sie erledigen. Zum anderen ist der private Raum auch nicht irgendein Arbeitsplatz, er ist der „Intimraum der ArbeitgeberInnen“, in dem bestimmte Ordnungssysteme grundlegend sind, die von der/dem Care-ArbeiterIn gesehen, verstanden und respektiert werden müssen. Denn was für die Putzkraft nur ein oller Staubfänger ist, der ständig im Weg rumsteht, ist für die/den ArbeitgeberIn vielleicht ein Symbol für einen wichtigen Lebensabschnitt oder die letzte Erinnerung an ein verstorbenes Familienmitglied. Hieran wird auch ein weitere besonderer Aspekt der Arbeit im privaten Raum deutlich: Zentral ist die Beziehung zwischen ArbeitgeberIn und ArbeitnehmerIn und dabei insbesondere das Vertrauen. Die/der ArbeitgeberIn lässt jemanden in ihren/seinen intimen Raum und vertraut darauf, dass mit allem so umgegangen wird, wie es gewünscht wird. Die ArbeitnehmerIn hingegen muss zum Einen auf die Einhaltung der meist nur mündlichen Verabredungen über Lohn und Arbeitszeit vertrauen, zum Anderen auch darauf, dass von Seite der ArbeitgeberInnen keine Information an Behörden weiter gegeben werden, da diese Arbeit häufig von Menschen ohne gültige Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis ausgeführt wird (vgl. Lutz 2008).

Wir leben derzeit in einer Gesellschaft, die aufgrund ihrer bürgerlich- kapitalistischen Wurzeln die öffentliche und private Sphäre trennt, hierarchisiert und mit vergeschlechtlichten Zuweisungen verknüpft. Reproduktionsarbeit wird somit in einen privaten, an ein konservativ-reaktionäres Familienbild gebundenen Schleier gehüllt und klassischerweise Frauen zugewiesen. Unsere Geschichte ist von jahrzehntelangen Kämpfen der Frauenbewegung gegen diese Zuweisung und den damit verbundenen Dogmen geprägt. Doch noch immer sind diese Dogmen nicht gebrochen und diese existenzielle Arbeit nicht breit gesellschaftlich als solche anerkannt. Die derzeitige Regulierung von Reproduktionsarbeit, welche an vielen Punkten eng mit Migrationsregimen korreliert, indem beispielsweise Sorge- und Haushaltsarbeit an MigrantInnen abgegeben wird, sichert die kapitalistische Herrschaft und ist zentraler Bestandteil der (transnationalen) Kapitalakkumulation. Dabei bricht auch diese Abdelegierung nicht mit der vergeschlechtlichten Zuweisung von Reproduktionsarbeit an Frauen: Zum einen, da es nach wie vor zumeist Frauen sind, die für die Organisation der Care-Arbeit (die auch aus der Übergabe eben dieser an andere Personen bestehen kann) verantwortlich gemacht werden, selbst wenn sie die Hauptverdienerinnen der Familie sind. Zum anderen, da es auch meist Migrantinnen sind, die diese Arbeit übernehmen.

Die derzeitige [Re-/Produktions] Krise offenbart mehr oder weniger neue Widersprüche; einerseits wird Care-Arbeit punktuell in den kapitalistischen Verwertungsprozess eingegliedert und andererseits spitzt sich die Prekarität sozialer Sorge und Sicherung dramatisch zu, was sich beispielsweise am neuen Niedriglohnberuf der Tageseltern ablesen lässt. Die kapitalistische Inwertsetzung verläuft, wie zu erwarten, nicht entlang der Bedürfnisse und Notwendigkeiten gesellschaftlich-menschlichen Lebens sondern ist diesem diametral entgegengesetzt, da es vielmehr um Kapitalinteressen – wie Profitmaximierung – geht. Die aktuellen Krisenlösungen in Bezug auf Care- und Reproduktoinsarbeit sind in keinster Weise zukunftsfähig, sondern generieren die bekannten Ungleichheitsverhältnisse und verfestigen diese entlang der Ungleichheitsachsen von race, class und gender. Wie sollen auch Regulationsmaßnahmen, die sämtliche noch vorhandene soziale Sicherungsinstanzen bspw. in Griechenland oder Italien, kahlschlagen Wege aus der Krise bereiten? Wenn die Mehrwertsteuer massiv erhöht wird, Renten und Sozialleistungen gekürzt werden, Medikamente verteuert, soziale Einrichtungen privatisiert werden, was bleibt dann außer dem Versuch der individualisierten Lösungen auf dem Rücken Dritter? Diese sozialen Einschnitte der Krisenpolitik, welche als Lösungen verkauft werden, stehen einer gesamtgesellschaftlich solidarischen Aushandlung entgegen. Es besteht kein kollektiver Aushandlungsraum, in welchem Menschen entsprechend ihrer Autonomiebestrebungen und ihrer Bedürfnisse menschenwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen schaffen, da dies der kapitalistischen Logik entgegensteht.

Sicher haben wir die Wahrheit über das, was Bedürfnisse sind und welche gesellschaftlich legitimiert werden sollten, nicht gepachtet und das wollen und können wir auch gar nicht. Es gibt kein fertiges Bild vom Kommunismus. Eine kommunistische Gesellschaft wird von Bewegungen und demnach Subjekten hervorzubringen sein, die alle ihre Geschichte mit sich tragen. Denn „Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben wird. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt bestehenden Voraussetzung.“ [Marx, Karl: MEW 3, 35). Um das Spannungsfeld von Autonomie und Anerkennung für eine emanzipatorische Form der Vergesellschaftung mitzunehmen, bedarf es einer gesamtgesellschaftlichen, kollektiven und öffentlichen Auseinandersetzung um Bedürfnisse und Fähigkeiten für eine kommunistische Form der Vergesellschaftung. In dieser muss die Vielfalt und Diversität von Bedürfnissen Raum haben und es muss eine kollektive, öffentliche Form der Aushandlung möglich gemacht werden.

Die beiden Königskinder Autonomie und Anerkennung
Die gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung um Bedürfnisse und Fähigkeiten ist untrennbar mit dem verbunden, was wir unter einem vergesellschafteten Subjekt verstehen. Hier ist eine feministische Kritik am autonomen Subjekt als ein zentraler Ansatzpunkt zu begreifen. Es zeigt sich die Vorstellung eines in der neoliberalen Gesellschaft mehr denn je idealisierten unabhängigen männlichen Subjektes, das niemand braucht und das von niemandem gebraucht wird. Genau hier setzt berechtigterweise die Kritik der Anerkennungstheoretikerin Jessica Benjamin an, die zeigt, wie gerade durch die Trennung und geschlechtliche Zuweisung der beiden Grundbedürfnisse Selbstbehauptung und Abhängigkeit gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse im Kapitalismus funktionstüchtig gemacht werden und sich in die Menschen einschreiben.“Folglich ist die Polarität zwischen zwei Grundbedürfnissen, nämlich dem nach Pflege bzw. Zuwendung und dem nach Autonomie bzw. Freiheit institutionalisiert“ (Benjamin S. 436) und geschlechtsspezifisch in öffentlich und private Sphären getrennt. Deutlich zeigt sich dies in der Organisation gesellschaftlicher Arbeitsteilung entlang von Geschlecht und den damit einhergehenden Zuschreibungen und Normen. Sie führt an, dass die Pole von Autonomie und Anerkennung, die in kulturelle, individuelle und geschlechtsspezifische Sozialisierung eingelassen sind, den Gegensatz zwischen Pflege und Autonomie geschlechtersegregiert und heteronormativ festschreibt (Benjamin 1982: 436). Zentrales Ergebnis ist die Entkopplung der reproduktiven Sphäre von der Produktionssphäre im Kapitalismus. Produktive und reproduktive Arbeit bilden keine Einheit, Reproduktionsarbeit wird durch die Verknüpfung mit der mütterlich konnotierten Pflege im Gegensatz zur männlichen konnotierten Unabhängigkeit entwertet. Ihr wird damit eine spezifische, historische Form zugewiesen (König/Jäger 2011: 149). Genau diese machtvollen Normensetzungen möchte Benjamin aufbrechen, indem sie zeigt, wie Individuen sich maßgelich „in und durch Beziehungen zu anderen Subjekten“ (Benjamin 1980: 23) entwickeln und damit als natürlich erscheinende Eigenschaften und Bedürfnisse als das sichtbar werden, was sie sind, „das Ergebnis sozialer Interaktion und menschlicher Vermittlung“ (Ebd. 426). Wenn wir diese Erkenntnis auf unsere Vergesellschaftungsdebatte übertragen, wird deutlich, dass das zentrale Moment von Vergesellschaftung Abhängigkeiten von anderen sowie die Anerkennung durch diese ist und wir das was getrennt wurde (Autonomie & Anerkennung) wieder zusammenführen müssen.

Die Bedürfnisdebatte ist so alt wie die kommunistischen Bewegungen und Kämpfe
Und hier macht es Sinn radikal zu werden, das Problem bei der Wurzel zu packen und unsere theoretischen und praktischen Politikverständnisse zu hinterfragen, welche zwar richtigerweise die Ursprünge nicht vergessen: „Um die Verteilung so einrichten zu können, daß die Bedürfnisse aller Mitglieder befriedigt werden.“ (S.73 Grundsätze der Kommunismus Engels), „worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“ (S. 43 Manifest der kommunistischen Partei 1848). Diese Wurzeln können aber nur einen Teil der Aufgabe beschreiben, die wir angehen wollen, denn wie in den Anfängen der Kämpfe für eine befreite, emanzipatorische Gesellschaft bemerkt wurde, ist „die praktische Anwendung dieser Grundsätze, (…) überall und jederzeit von den geschichtlich vorliegenden Umständen“ abhängig (Marx/Engels Vorrede zum Manifest der kommunistischen Partei 1872).

Daher haben wir uns auf den Weg gemacht aus einer feministischen Perspektive heraus zu fragen, wie es sich denn mit den Bedürfnissen in unserer Vergesellschaftungs-Utopie zu verhalten hätte und wo wir heute schon beginnen können, durch ein emanzipatorisches Verständnis von Bedürfnissen und deren Befriedigung ein Stück „bessere“ Gesellschaft zu verwirklichen. Dabei sind wir als Gruppe diesen Weg in zweifacher Hinsicht gegangen. Zum einen haben wir uns Texte „alter Bedürfnisdebatten“ angeschaut und zum zweiten haben wir vor dem Hintergrund unserer eigenen persönlichen, politischen Erfahrungen sowie der aktuellen Gemengelage versucht, Knackpunkte der Vergesellschaftung von Bedürfnissen zu benennen und potenzielle Herangehensweisen für deren politische Bearbeitung zu finden. Dabei ist ein Prozess entstanden, der für uns selbst überraschende Dynamiken entwickelt hat, der wie wir glauben, aber ein erster Schritt ist, gesellschaftliche Widersprüche in Bezug auf Bedürfnisse offenzulegen und sie bearbeitbar zu machen.

Von richtigen und falschen, echten und unechten Bedürfnissen
Zu Beginn stellten wir uns eine ganze Reihe von Fragen, die uns dann noch länger begleiteten. Hier seien nur einige ausschnittsweise wiedergegeben: Wie können wir die Bedürfnisse von einzelnen Gruppen ernst nehmen – also ihre konkreten Kämpfe – ohne das Gesamtgesellschaftliche aus dem Blick zu verlieren? Wie sind z. B. queere Kämpfe um Identitätspolitiken mit gesamtgesellschaftlich feministischen Perspektiven verbindbar? Was ist der gesellschaftlich mindestens notwendige Rahmen für die notwendig zu erfüllenden Bedürfnisse für die freie Entfaltung der Einzelnen? Welches Menschenbild steht hinter welchem Bedürfnisbegriff? Wie gehen wir mit sich ausschließenden Bedürfnissen um? Wessen Bedürfnisse sind entscheidend, wenn es z.B. um unsere Energieversorgung geht? Die der ArbeiterInnen in diesem Bereich, die der KonsumentInnen, oder gesamtgesellschaftliche? Daran schließt sich gleich die nächste Frage an, wie ein so schillernder Begriff wie ‚gesamtgesellschaftliche‘ Bedürfnisse gefüllt werden kann? Wer entscheidet, was gesamtgesellschaftliche Bedürfnisse sind? Wer kann sich in einer von Macht- und Herrschaftsverhältnissen durchzogenen Gesellschaft überhaupt artikulieren? Wer kann das mehr oder weniger selbst tun? Wer ist dazu auf Repräsentation angewiesen? Und wer repräenstiert dann wen? Wer kann warum für welche Kollektive oder Gruppen sprechen? Welche Möglichkeiten bietet ein Bedürfnisbegriff, Subjekt und Gesellschaft „anders“ zu denken?
Wenn wir unsere Bedürfnisse konkret werden lassen, kommen wieder neue Fragen auf. Ein Beispiel ist, dass wir ganz persönlich weder Kirchen noch Moscheen noch buddhistische Zentren brauchen, wir können insgesamt mit Religion nicht viel anfangen, wie gehen wir aber damit um, dass es anderen Menschen hier ganz anders geht und sie Bedürfnisse nach Religiosität und Spiritualität artikulieren? Wie können hier individuelle oder auch im Kollektiv einer religiösen Gruppe geäußerte Bedürfnisse mit unseren religionskritischen Perspektiven zusammen gebracht werden? Ein weiteres Beispiel sind bestimmte materielle Bedürfnisse, wie die Frage, ob es ok ist, wenn Leute 20 Handtaschen haben wollen. Was hier noch etwas lächerlich klingen mag, wird in seiner ganzen Tragweite sichtbar, wenn wir stattdessen Fragen, was mit dem Bedürfnis nach 20 Autos oder 10 Urlaubs-Flugreisen pro Jahr ist. Dies sind nur ein paar davon, der geneigten LeserIn mögen hier noch viele weitere einfallen, der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt…

Entgegen unserem Chaos im Kopf hatten viele der Texte, die wir uns gemeinsam erarbeiteten, eine erfrischend klare Linie, zumindest auf den ersten Blick, da sie auf der theoretischen Ebene versprachen, die Probleme zu lösen, die uns umtrieben. Beim Versuch die Fragen, die uns vorher schon bewegten, mit diesen theoretischen Linien zu verknüpfen, wurde uns klar, dass die Texte zwar Denkanstöße, aber keine Antworten liefern können. Das Manifest der kommunistischen Bedürfnisse zu schreiben, steht also noch aus. Dies kann nur eine Aufgabe der emanzipatorischen Linken sein, allerdings eben keine leichte, da Bedürfnisse sich nicht eindeutig analysieren lassen, in sich widersprüchlich und widerspenstig sind. Auch ist es nahezu unmöglich sie auf einer sprachlichen Ebene abzuhandeln, da die Ebene des praktischen Erlebens so zentral ist. Hier wird die bekannte Theorie-Praxis-Trennung noch mehr ad absurdum geführt, als wir das aus anderen Debatten nicht ohnehin schon zu Genüge kennen.

Ersteinmal sollten wir also selbst beginnen, neben unserem alltäglichem „Politikbusiness“ in alter postautonomer Manier unsere Lebens- und Arbeitsverhältnisse zu befragen und zu reflektieren, um unsere Politik nicht losgelöst davon zu gestalten. Es liegt an uns, uns als Ausschnitt von Gesellschaftlichkeit zu begreifen und uns den möglichen Widersprüchen zwischen der Frage nach unseren Bedürfnissen und dem, was wir für gesellschaftlich notwendig halten, zu stellen. Ein Beispiel wäre hier die Wahl bestimmter Politikmodi, die wir für wirkungsvoll halten, die u. U. aber nicht mit unseren Reproduktionserfordernissen vereinbar sind. Nur so kommen wir vielleicht auch aus der randständigen Lage heraus und könnten mit unseren Diskussionen und unserer Politik die Menschen da abholen, wo sie stehen: Mitten im Leben und in ihren (auch reproduktiven) Arbeitsverhältnissen.

„Eine radikale Revolution kann nur die Revolution radikaler Bedürfnisse sein…“ (MEW 1: 387 zit. n. Abel Kritische Psychologie)
Gut das nehmen wir! Hört sich super an, aber wie machen wir das nun mit dem Radikalisieren von Bedürfnissen, wie organisieren wir uns, um kollektiv für die Durchsetzung von Bedürfnissen zu kämpfen? Hierfür erkennen wir zunächst einmal an, dass Bedürfnisse im Anschluss an Adorno und Benjamin gesellschaftlich vermittelt sind und nichts genuin natürliches sind. Denn nur wenn Bedürfnisse im Kapitalismus auf eine bestimmte Art und Weise beschaffen sind, können sie jenseits dieses gesellschaftlichen Verhältnisses anders artikuliert werden. Ein gutes Beispiel ist hier Hunger, der oft als natürliches Grundbedürfnis beschrieben wird, jedoch ist bereits seine Stillung für uns nicht mehr ohne Gesellschaft denkbar. Das verdeutlicht, dass es für uns somit auch keine von vorne herein unveränderbaren Bedürfnisse geben kann und wir uns zurecht der Frage nach der kapitalistischen Formung von Bedürfnissen stellen müssen. So schreibt Adorno in Bezug auf Bedürfnisse, die gerade in der Linken gerne als falsche oder schlechte Bedürfnisse wahrgenommen werden: „(…) Schlecht ist an diesen Bedürfnissen – die gar keine sind – daß sie auf eine Erfüllung sich richten, die sie um eben diese Erfüllung zugleich betrügt. Die gesellschaftliche Vermittlung des Bedürfnisses – als Vermittlung durch die kapitalistische Gesellschaft – hat einen Punkt erreicht, wo das Bedürfnis in Widerspruch mit sich selbst gerät. Daran, und nicht an irgendeine vorgegebene Hierarchie von Werten und Bedürfnissen, hat die Kritik anzuknüpfen.“ (Adorno 1942 „Thesen über Bedürfnis“ in Soziologische Schriften I)
Dies ist für uns an dieser Stelle jedoch ein Analyseschritt und wir möchten dabei ganz klar hervorheben, dass dies nicht heißt, dass wir wissen, was falsche oder richtige Bedürfnisse sind und wir das anderen vorschreiben können. Denn mit diesem autoritären Gestus, der uns teilweise aus der Geschichte des Realsozialismus bekannt sein dürfte, wollen wir die Debatte um gesellschaftliche Utopien und Bedürfnisse nicht bestreiten!
In Anlehnung an Marx sind Bedürfnisse eine Voraussetzung für politische Handlungsfähigkeit. Sie sind damit eine entscheidende Triebfeder für gesellschaftliche Veränderungen. Jegliche gesellschaftliche Veränderung setzt damit einen veränderten Umgang in der Anerkennung von Bedürfnissen voraus (vgl. Abel Kritische Psychologie). Für ein Morgen, in dem Bedürfnisse anders verhandelt werden als heute und ihre Diversität auch anerkannt wird, ist damit auch ein Bewusstseinsprozess nötig, der die Tür zu etwas Neuem und Anderen eröffnen kann. Mit dem kollektiven Kampf um eine bedürfnisorientierte Form der Vergesellschaftung von unten geht ein Prozess der Entmystifizierung von konsum- und leistungsorientierten Werten und Normen einher. Damit stellt sich die Frage der Verbindung zwischen dem Subjekt und dem ‚Außen‘ der gegebenen gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse neu. Dabei stießen wir in Eigenbefragung auf Erklärungen, wie der Zusammenhang von immateriellen Bedürfnissen z. B. Harmoniebedürfnisse in Gruppen, sowie materieller Ressourcen z. B. Lebensmittel gedacht werden kann. So ist das Zusammenleben in Wohngemeinschaften bei uns die verbreitetste Form des Wohnens und eine der Fragen, die in jeder neuen Zusammensetzung einer Wohngemeinschaft ansteht, ist die des Einkaufens. Also die Frage danach, ob und in welchem Umfang eine gemeinsame Kasse eingeführt wird, wie und wo eingekauft wird, welche Standards zum Beispiel hinsichtlich biologischer Produkte gelten sollen usw. Wir haben in diesem Kontext festgestellt, dass zum Einen eine gewisse liberale Haltung den Bedürfnissen der anderen gegenüber notwendig ist, es also oft einfacher ist, nicht jedes Detail zu verhandeln, sondern sich eher einen gemeinsamen Rahmen abzustecken. Zum Anderen ist erneut deutlich geworden, wie wichtig es ist, über die Erfahrungen, die wir machen, in Austausch zu treten, uns davon zu berichten u.s.w.. Hier kann die vorliegende Broschüre hoffentlich ein erster Ansatzpunkt sein, das direkte Gespräch und die konkrete Aushandlung von Bedürfnissen kann sie aber natürlich nicht ersetzen.

Gleichzeitig fragten wir uns aber auch, wie es dazu kommt, dass sich trotz eines geteilten gemeinsamen gesellschaftlichen Rahmens unterschiedliche Bedürfnisse und Strategien der Bedürfnisbefriedigung herausgebildet haben. Woher kommt dieser Eigensinn? Hierfür gibt es verschiedene Beispiele: Warum fasten Menschen? Das kann religiöse, gesundheitliche oder andere Gründe haben, die sich zwar an gesellschaftlichen Rahmenbedingungen orientieren, die wirkmächtig sind; trotzdem lässt sich Eigensinn darin erkennen, wie das gesellschaftlich gesetzte umgesetzt wird. Fastende orientieren sich also nicht per se an einer religiösen Regel oder fastende Frauen nicht per se am vorherrschenden Schönheitsideal. Auch das oben schon genutzte WG-Beispiel macht dies deutlich. Hier gibt es Zweck-WGs, die aufgrund materieller Notwendigkeiten zusammen kommen bis hin zu Formen, in denen eine anderes Leben verknüpft mit z.B. einer gemeinsamen Ökonomie ausprobiert werden soll. In beiden Fällen spielt übrigens auch wieder Reproduktionsarbeit eine wichtige Rolle. Verhandelt werden muss, wie sie verteilt wird, welche Bedürfnisse nach Sauberkeit erfüllt werden sollen und können usw.. Hier zeigt sich auch die Verwobenheit von materiellen und immateriellen Bedürfnissen. Doch bemerken wir natürlich, dass der gesellschaftliche Rahmen sehr wirkmächtig ist, was sich z. B. am Beispiel Putztätigkeiten erläutern lässt. Menschen haben hier unterschiedliche Bedarfe, die jedoch an bestimmte gesellschaftliche Kategorien gebunden sind; genauso ist die Verrichtung dieser Arbeiten weiblich konnotiert – siehe der Begriff „Putzfrau“ – welcher sich am Idealbild der Hausfrau der 50er Jahre orientiert. Über männlich Putzkräfte wird wenig geredet und wenn, dann bezüglich der Vermarktlichung dieser Tätigkeiten oder bzgl. deren Professionalisierung, Reinigungskraft ist ein anerkannter Ausbildungsberuf. Hiermit wollen wir noch einmal verdeutlichen: Persönliche Bedürfnisse und vergesellschaftete lassen sich kaum trennen und sind immer entlang bestimmter Macht- und Hierarchielinien aufgebaut, die bei der Debatte um die Befriedigung von Bedürfnissen mit ins Blickfeld gehören.

Außerdem wird an dieser Stelle deutlich, dass die kapitalistische Vergesellschaftung komplex ist. Sie spielt sich nicht nur an den Produktionsbändern von Automobilindustrien ab, sondern hat komplexe Vergesellschaftungsformen hervor gebracht, welche auf jedes Subjekt beeinflussend einwirken und von eben diesen auch produziert und reproduziert werden. Neoliberale Individualisierungsmechanismen verstärken diesen Prozess durch Selbstdisziplinierung und der Logik ‚JedeR sei ihres/seines Glückes Schmied‘. Kapitalismus braucht soziale Ausschlüsse, die über konstruierte soziale Ungleichheitskategorien wie race, class und gender und viele weitere zugespitzt werden. Was also anerkannte gesellschaftliche Bedürfnisse sind und was nicht, ist kapitalistisch geformt und nicht von unten her, demokratisch bestimmt. Die ProduzentInnen, die Menschen also, haben keinen Zugang zur Bestimmung, was, wie und wo produziert wird, da sie von den Produktionsmitteln getrennt sind und keine Verfügung und Entscheidungsgewalt über diese haben. Die Produktionsmittel sind nicht in der Hand der Mehrheit der Gesellschaft, sondern in der Hand weniger, die darüber bestimmen, unter welchen Bedingungen was produziert wird.
Agnes Heller stellte dabei abstrakter heraus, dass eben keine falschen und richtigen Bedürfnisse gegenüber gesellt werden können, ebenso gibt es keine realen und nicht-realen. Demnach müssen erstmal alle Bedürfnisse befriedigt werden, wobei zu beachten ist, dass niemand dabei zum Mittel gemacht wird, wie sie im Anschluss an Kant formuliert. Bei ihr heißt das auch konkret, dass wir von unseren pseudo-objektiven Beobachtungstürmen herrunterkommen müssen und begreifen, dass wir mit unserem Urteil nie außerhalb der Gesellschaft stehen werden, also auch nie wissen werden, ob wir korrekt geurteilt haben oder doch viel mehr verurteilt haben. Das müssen wir auch für unsere eigene politische Praxis reflektieren, in der wir permanent die Bedürfnisse von uns und anderen hierarchisieren. Hier hat uns z. B. die Occupy-Bewegung zu Recht an unsere Legitimationsgrenzen gebracht. Hier müssen nicht, wie viele anmerkten, „typische“ Lernprozesse politischer Sozialisation schnell durchlaufen werden, damit am Ende etwas vernünftiges herauskommt. Hier stand schon am Anfang etwas vernünftiges, nämlich, dass Menschen massenweise ihre Bedürfnisse artikuliert und probeweise in neuen Formen verhandelt haben (human mic) ohne dabei in Hierarchisierungs- und Vereinnahmungsfallen zu tappen, in die eine emanzipatorische Linke sonst doch eher mal gerne tappt. Und wir stellen uns zu Recht die Frage, ob sie dem Prozess des gemeinsamen Austausches über „Was ist ein gutes Leben für uns?“ pragmatisch-spontan näher gekommen sind, als mit der ein oder anderen Kampagne á la „Luxus für alle“. Richtigerweise ist hier anzumerken, dass auch hier einige Dinge gut und provokativ der gesellschaftlichen Gleichgültigkeit entrissen wurden. So ist für uns in der Forderung von ‚Luxus für Alle‘ nicht gesetzt, was Luxus ist. Genau das kann durch den mit dieser Parole häufig verbundenen Irritationsmoment diskutierbar gemacht werden. Weiterhin weist sie daraufhin, dass wir mehr wollen, als das was zum Überleben notwendig ist. Wir wollen eben nicht nur Brot, sondern Brot UND Rosen, wie es im gleichnamigen Spielfilm von Ken Loach auch von illegalisierten, migrantischen Putzkräften in den USA gefordert wird. Wie breit und wirksam ein solcher Slogan allerdings sein kann, der von einer spezifischen ideellen und materiellen Ressourcenlage ausgeht, die globalen Ungleichgewichte und die Anknüpfung an alltägliche Erfahrungen von vielen Menschen niedriger Einkommensklassen auf der begrifflichen Ebene zunächst außen vor lässt, sie gewissermaßen erst durch den oben beschriebenen Übersetzungsprozess einfängt, ist für uns eine ernstzunehmende Frage.
Weiter oben auf der Tagesordnung steht aber ohnehin die Frage nach praktizierbaren Formen von Aneignung und Umverteilung. So wird in Griechenland die großzügige Aneignung von Grundnahrungsmitteln betrieben, um diese dann in den Vierteln zu verteilen. Vor dem Hintergrund der derzeit vorherrschenden Ansätze der Krisenbearbeitung werden zunehmend mehr Menschen vor die Frage gestellt, wie sie trotz unbezahlter Strom- und Wasserrechnungen weiterhin an das Netz angeschlossen bleiben können, wie sie trotz leeren Geldbeutels Lebensmittel bekommen, aber auch schöne Tage mit der Familie im Schwimmbad verbringen können. Hier lohnt der Blick auf die Aneignungsdebatten der vergangen Jahre, genauso wie der Blick auf die konkreten Aneignungspraxen, wie sie zum Beispiel in den südafrikanischen Townships im Kontext des illegalisierten Wiederanschlusses an Strom- und Wasserversorgung betrieben werden.

Bedürfnisinterpretation als politisches Instrument
Wenn wir uns genauer anschauen, wie politische Prozesse in unserer Gesellschaft ablaufen, wird deutlich, dass es immer wieder darum geht, menschliche Bedürfnisse zu interpretieren und Verhandlungen über die Bedürfnisbefriedigung zu führen. Erschreckend deutlich wird dies anhand von Diskursen zu Hartz IV, der Menschen nicht mal 2 € im Monat für Bildung gewährt, ihnen für Kultur um die 40 € im Monat zugesteht und für die Verkehrsmittelnutzung um die 23 €. Wenn wir davon ausgehen, dass gesellschaftliche Teilhabe ein Grundbedürfnis von Menschen ist, wird hier besonders deutlich, wie auf dem Feld der Bedürfnisinterpretation gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse wirkmächtig werden. Nancy Fraser spricht auch von Schieflagen entlang von class, race und gender, die um weitere Kategorien, die soziale Ungleichheiten legitimieren sollen, ergänzt werden können und die sich im Sozialstaat beispielhaft manifestiert haben. Sie sieht es aber auch als Erfolg von sozialen Kämpfen und Bewegungen an, dass sie bestimmte Bedürfnisse erst thematisiert und somit politisiert haben, die dann im Idealfall auch gesellschaftlich anerkannt wurden. Sie unterliegen damit jedoch gleichzeitig der Gefahr durch Sozialpoltik von oben befriedet zu werden. Im Neoliberalismus sieht sie zwei Konfliktlinien beim Kampf um Bedürfnissse: Die (Re-)Privatisierung und die Entpolitisierung von Bedürfnissen. Ersteres bedeutet, dass Bedürfnisse, die gesamtgesellschaftlich verantwortet werden müssen, individualisiert werden und letzteres, dass bestimmte Bedürfnisse bewusst aus dem politischen Raum ausgegrenzt werden z. B. unter dem Rückgriff auf neoliberale Denkfiguren á la ‚das können wir ja niemandem vorschreiben‘.

Basta! Ein anderes, ein besseres Leben und zwar jetzt sofort!
Es muss Raum geschaffen werden für eine Bedürfnisdebatte, der es nicht ums ausheulen geht, sondern um die Schaffung einer Ebene der Anerkennung diverser Bedürfnisse. Diese Debatte darf im Anschluss an unseren Ausgangspunkt nicht die Fehler des Mainstreams der historischen, europäischen Linken wiederholen und das Private ausschließen. Das Bedürfnis nach Versorge-, Vorsorge-, Fürsorge-, Entsorge-, Besorge- und Umsorge- Arbeit muss in diese Debatten eingebettet werden, gerade aufgrund der ständig ansteigenden Prekarität unserer Generation und Unsicherheit, was unsere Zukunft angeht. Wir – das sind größtenteils weiße, aus dem mehr oder minder mittelständischen kommende Linksradikale – können hier nur einen Diskussionsstrang aufmachen. Wir können imaginieren, was Menschen in der Peripherie und in anderen Kontinenten wohl für Bedürfnisse haben, können es aber schlicht weg nicht wissen, insofern wir unsere Räume nicht auch wieder internationalistisch öffnen. Hier lohnt sich der Blick über den eurozentrischen Tellerrand. Nicht nur um unsere eigenen Vorstellungen über Bedürfnisse in der Peripherie mit denen von AktivistInnen vor Ort abzugleichen, sondern auch um aus den teilweise weiterentwickelten Debatten zu lernen und uns anregen zu lassen.
Um eine andere Form der Vergesellschaftung möglich zu machen, welche eine Umverteilung von Arbeit und Anerkennung von Reproduktionsarbeit einschließt, bedarf es struktureller und materieller Veränderungen. Diese müssen erkämpft werden, um den Horizont für darüber Hinausgehendes zu eröffnen. Ein bedingungsloses Grundeinkommen könnte bspw. eine andere Verteilung von Arbeit mit sich bringen, sowie Zeit und Raum für die individuelle Entfaltung der Bedürfnissen schaffen, womit auch kulturelle und politische Arbeit möglich wäre, ohne ständig abzuwägen, ob neben der Lohnarbeit noch Zeit übrig ist. Ein solch veränderter materieller Rahmen könnte der Vereinzelung entgegenwirken und kollektive Aneignung von Raum und Zeit ermöglichen.

Somit könnte sich gesellschaftlich tatsächlich ein erweitertes Arbeitsverständnis entfalten, durch welches auch die bisher unsichtbaren, notwendigen Arbeiten aus der Deckung und in die öffentliche Debatte geholt werden. Daran schließt sich die Diskussion um Bedürfnisse und Fähigkeiten an, die in kollektiven Rahmen und im Spannungsfeld von Anerkennung und Autonomie der Subjekte verhandelt und sinnvoll eingesetzt werden könnte. Eine materielle Umverteilung, wie durch das bedingungslose Grundeinkommen ist also nicht das Ziel, sondern nur ein möglicher Weg dahin. Wobei es nach unseren Vorstellungen soziale Diskriminierungen radikal angreift, indem es unabhängig von Geschlecht und Herkunft verteilt würde und eine radikale Arbeitszeitverkürzung von dem was bisher als gesellschaftlich notwendige Arbeit verhandelt wird, beinhalten würde. Vor allem aber, und das scheint für die Debatte wohl auch sehr entscheidend zu sein, eröffnet es einen öffentliche Diskussionsraum, in welchem sich Debatten um öffentliche Infrastruktur, Verteilung von Wohnraum, Energie- und Gesundheitsversorgung anschließen könnten. In der aktuellen Krise drängt es sich nahezu auf unsere Forderungen und Strategien für ein Europa von unten zu denken. In jeder Krise stecken die Wurzeln für etwas Neues. Zum derzeitigen Zeitpunkt sind Strategien, die nicht an den Nationalgrenzen enden sinnvoll, um eine europäische Schlagkraft von unten zu entfalten. Es muss um eine radikale Nord- Südumverteilung gehen und um eine andere Form der Verteilung und Regulierung von Arbeit auf europäischer Ebene ohne die Herrschaft von Patriarchat, Kapitalismus und Migrationsregimen fortzusetzen! Die alte Forderung nach der Aneignung der Produktionsmittel und der Hegemoniekampf in Zivilgesellschaft und politischer Sphäre ist unumstößlich mit der radikalen Umverteilung gesellschaftlich, notwendiger Arbeit, also
re-/produktiver Arbeit, verbunden.


Literatur:
Maler, Gerda (2010): Das Unsichtbare sichtbar machen. In: ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis  / Nr. 552 .
Marx, Karl: Deutsche Ideologie, MEW 3, 35
(S.73 Grundsätze der Kommunismus Engels)*
(S. 43 Manifest der kommunistischen Partei 1848) *
(Marx/Engels Vorrede zum Manifest der kommunistischen Partei 1872)*
MEW 1: 387 zit. n. Abel Kritische Psychologie aus der Theorie.org Reihe
Benjamin, Jessica: Die Antinomien des patriarchalen Denkens: In Bonß 1982: Sozialforschung als Kritik. S. 426-455
Fraser, Nancy 1989: Widerspenstige Praktiken. Macht, Diskurs, Geschlecht. S. 222-283
Heller Agnes 1978: Can „true“ anf „false“ needs be posited? In: S.213-226 In: Lederer; Human Needs
Adorno, T. W. 1942: Thesen über Bedürfnis. In: Soziologische Schriften I, S. 292.296
Lutz, Helma; Schwalgin, Susanne: Vom Weltmarkt in den Privathaushalt. Opladen [u.a.]: Budrich, 2008.

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