Kobane Soli-Demo in Marburg

Mit 500 Menschen, haben wir Gestern am 1. Nov., zum internationalen Aktionstag „Solidarität mit Kobane und gegen den IS“ auch in Marburg ein starkes Zeichen unserer Solidarität gesetzt.

An dieser Stelle ein Dankeschön an alle die gekommen sind!

Da es Interesse an dem Demo- Redebeitrag der Gruppe gab, wollen wir diesen hier veröffentlichen.

Rede der Gruppe d.i.s.s.i.d.e.n.t. zum internationalen Aktionstag „Solidarität mit Kobane und gegen den IS“ in Marburg am 1.Nov. 2014

Heval u Rêhevalên bi rumet
Liebe Genossinnen und Genossen, liebe Freundinnen und Freunde –

Die letzten Tage waren für viele von uns keine einfachen Tage. Immer wieder haben wir die schrecklichen Bilder des Krieges und Terrors in Kobane und Sengal gesehen. Immer wieder haben wir uns gewünscht, dass keine weiteren Menschen sterben. Und Immer wieder mussten wir uns selbst Fragen, ob wir genug tun für die Unterstützung der Kämpferinnen in Kobane, den Flüchtlingen aus Sengal und die vom IS schon seit vielen Monaten entführten Menschen.

Doch neben dieser Schwere, der Trauer und Ohnmacht, ist es wichtig die Hoffnung nicht aufzugeben. Denn die Menschen, welche Kobane verteidigen, verteidigen nicht nur sich selbst, ihre Familien und Freund*innen. Sie verteidigen nicht nur das Leben der Menschen, um Morgen weiter in Unterdrückung, Krieg und patriarchalen Strukturen zu leben – sie verteidigen die Hoffnung eines revolutionären Projekts. Die Idee das eine andere Welt möglich ist.

Die Idee Rojavas ist die Idee der Emanzipation. Der Befreiung der Frauen, der radikalen Demokratie und des ökologischen Lebens.

So Kämpfen und Leben Frauen gleichberechtigt, übernehmen selbstbewusst politische Ämter und lassen die alten, patriarchalen Strukturen hinter sich. In den Verwaltungsstrukturen der Kantone sind sie mit einer vierzigprozentigen Geschlechterquote an allen politischen Entscheidungen beteiligt und jede Leitung ist mit einer Doppelsitze besetzt. In Rojava lernen Frauen sich selbst zu organisieren zu verwalten und zu verteidigen. Symbol dafür sind die grünen/gelben Fahnen der Frauenverteidigunsgeinheiten geworden, welche stolz an vorderster Front gegen den IS kämpfen. Und dieses Prinzip der Freiheit der Frau ist zur Bedingung einer freien Gesellschaft in Rojava geworden.

Rojava ist ein Projekt der radikalen Demokratie und der Selbstverwaltung, jenseits nationaler, ethnischer oder religiöser Grenzen – basierend auf Kommunen, Räten und gesellschaftlicher Basisorganisierung. Und so wird auch religiösen oder ethnischen Minderheiten die politische Partizipation durch die geregelte Repräsentation in Gremien und der Verwaltung der freien Kantone garantiert.

Rojava ist ein Projekt der wirtschaftlichen Demokratie, ausgehend von Kooperativen und Solidarität und der Berücksichtigung ökologischer Folgen. Und somit ist dieses Projekt eine Alternative zur kapitalistischen Konkurrenz und Ausbeutung, eine Alternative zum eigenen Nationalstaat eine Alternative zu Assad und eine Alternative gegenüber großen Teilen der syrischen Opposition, welche eben nicht, die Rechte von Minderheiten anerkennen will und die Selbstverwaltung der Gesellschaft als Bedrohung sieht.

Aber es sind nicht nur Kurdinnen und Kurden die Teil dieses Projektes sind. Viele unterschiedliche Menschen organisieren sich dort gleichberechtigt – denn es ist ein Projekt für den gesamten Nahen Osten. Die demokratische, autonome Verwaltung in Rojava ist somit auch Teil der Idee eines basisdemokratischen, auf Kommunen aufbauenden zukünftigen Syriens – und es kann ein Vorbild dieses Syriens sein. Ein Vorbild in einer Region welche geprägt ist von Despoten, von Jahrzehnten des Krieges und patriarchalen Clan-Strukturen.

Und eigentlich ist es schon dramatisch, dass wir erst mit der Belagerung und der Barbarei des IS, von diesem Projekt Notiz nehmen.

Doch das Projekt Rojava begann nicht erst mit den Aufständen in Syrien, nicht erst mit dem Ausrufen der demokratischen Autonomie im vergangenen Winter. Das Projekt Rojava begann mit der Veränderung der kurdischen Bewegung selbst. Es begann mit der Erkenntnis, das der Staat keine Lösung ist, sondern Teil des Problems. Es begann mit dem Wissen um den Widerspruch zwischen Staat und Demokratie, dem Widerspruch zwischen dem Streben nach politischer Macht und dem Anspruch nach Gleichheit und Freiheit. Somit ist Rojava der konkrete Ausdruck der Idee des demokratischen Konföderalismus und der demokratischen Autonomie. In Rojava spiegelt sich die Hoffnung nach einer neue Gesellschaft, welche auf Gleichheit und Freiheit aller basiert.

Versteht mich nicht falsch. In den Flüssen Rojavas fließt nicht Milch und Honig, sondern der Dreck der Ölindustrie. Aber Rojava ist der ehrliche Versuch der Menschen, aus der erfahrenen Grausamkeit, der Vereinzelung, der Unterdrückung, der Aberkennung Teil der Gesellschaft Syriens zu sein, etwas Neues zu schaffen. Und dieses Neue wird nicht nur an den Grenzen Rojavas gegen die Angreifer verteidigt, sondern eben auch gegen das hierarchische Denken in der eigenen Gesellschaft und in der eigenen Person. Und das ist kein einfacher Prozess.

Das ich mir manchmal wünschen, dass dieser Prozess keine Widersprüche und Widerstände mitsichbringt, das keine Fehler gemacht werden – das eben doch Milch und Honig fließen, dass hat mehr mit uns zu tun, als mit Rojava. Es ist der Ausdruck einer verzweifelten Hoffnung, dass es doch etwas besseres gibt und geben kann, als das Leben in den kapitalistischen Metropolen in ständiger Konkurrenz. Etwas anderes als das Leben zwischen Betonbauten, Vereinzelt und Perspektivlos. Es ist die Hoffnung nach dem richtigen Leben im Falschen.

Klar ist: Wie auch wir, werden die Menschen in Rojava jeden Tag um die bessere Welt kämpfen müssen – sei es gegen sich selbst, den IS, gegen die Türkei, gegen Assad gegen patriarchale Strukturen, gegen täglichen Sexismus und Rassismus und gegen die Vereinnahmung durch die USA .

Aber das alles sollte uns nicht daran hindern den Kämpferinnen und Kämpfern in Kobane, in Sengal in Cizir und in Afrin unsere volle Solidarität und unseren Respekt zu zeigen – denn ihr Kampf ist oder sollte, auch unser Kampf sein. Ein Kampf für Emanzipation, radikale Demokratie und Freiheit. Allein deshalb sind wir es ihnen schuldig, alles uns mögliche für ihre Unterstützung zu tun. Ihr Kampf und ihr Mut darf nicht umsonst gewesen sein.

In diesem Sinne:
Unsere Solidarität mit den Volksverteidigungseinheiten, mit der Partei der Demokratischen Union und mit allen die für ein demokratisches Syrien kämpfen!

In diesem Sinne:
Unsere Solidarität mit den vielen Menschen deren Namen wir nicht kennen, welche aber jeden Tag ihr Leben für ein Besseres riskieren.

Und an alle Herrschenden, alle Faschisten und Diktatoren dieser Welt: Ihr könnt vielleicht alle Blumen ausreißen, ihr könnt jedoch nicht verhindern das der Frühling kommt!*

Halt Stand Kobanê – halt Stand freies Kurdistan! Für die Freiheit und für das Leben!

Li ber xwe bide Kobanê – Li ber xwe bide Kurdistana azad – Jibo Azadî û jibo jîyanê!

* Ein kurdisches Sprichwort