Ich will den Kapitalismus lieben…

Zwangsräumungen, hohe Profite mit der steigenden Miete, deutsche VorMachts-Ansprüche in europäischer Krisenpolitik, Gesundheitsversorgung für nur noch 40% der Griech*innen, rassistische Hetze und Pogromstimmung in Hellersdorf und Duisburg, die Alternative für Deutschlang (AfD) fast im Bundestag und Pro-Deutschland auch in Marburg auf populistisch-nationalistischer Wahlkampftour, Betreuungsgeld alias Herdprämie, profitorientierte Pflege wie am Fließband und Alltagssexismus.

Darüber diskutieren und streiten erscheint uns wichtig. Sich Gedanken über die Ausbeutung, Ungleichbehandlung und kaputtmachende Zurichtung von Menschen im Kapitalismus und den diesen zugrunde liegenden Strukturen und Interessen zu machen und zur Tat zu schreiten ebenso.
Wir wollen aber mehr als das! Wir wollen unseren eigenen Anspruch, die Gesellschaft tatsächlich zu verändern ernst nehmen. Hierfür müssen wir uns als Linke aus der Position gesellschaftlicher Irrelevanz befreien. Die Zeichen stehen auf Sturm und für uns bedeutet dies: Rein ins verdammte Handgemenge – Intervention in herrschende Verhältnisse, Prozesse und Kämpfe.

Seit dem arabischen Frühling – bei dem nun die ersten herbstlichen Blätter fallen – haben sich in anderen Regionen, sei es in Brasilien, in der Türkei, in Südafrika oder in Bangladesch, Menschen auf ein Neues auf den Weg gemacht, in zunehmender Solidarität für Selbstbestimmung und gutes Leben zu kämpfen.
Auch in Europa, besonders Südeuropa, bleiben die seit der Zuspitzung der kapitalistischen Krise verschärften Angriffe auf unsere Lebensbedingungen nicht unwidersprochen. In Griechenland, Portugal, Italien oder Spanien gehen die Menschen auf die Straßen, versammeln sich auf den Plätzen, bestreiken die Betriebe oder bilden solidarische Formen zur Alltags-Bewältigung. Der herrschenden Politik entgegnen sie: „Ihr repräsentiert uns nicht!“. Wir wollen: „Echte Demokratie jetzt“!

In der BRD scheint der gesellschaftliche Konsens dagegen ungebrochen. Merkel und ihr „Gemeinsam Erfolgreich“ – auf Kosten anderer – überzeugen große Teile der Bevölkerung. Auch oder gerade weil Leistungsdruck, Doppel- und Dreifachbelastung, Privatisierung, Verunsicherung, Angst und autoritäre Verwaltung des Mangels und des Überflusses auch hier zu Lande zunehmend erfahrbare und bittere Lebensrealitäten sind.

Mit Blockupy, M31 und Occupy wurden allerdings auch hier erste Krisenproteste sichtbar. Blockupy 2013 legte nach und erweiterte den Protest gegen die autoritäre Austeritätspolitik der Troika auf den Abschiebeflughafen Frankfurt-Main, auf die Immobilienbranche, auf Waffenexporte und die tödlichen Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie in Bangladesch sowie auf die Krise von Care, also die Nicht-Anerkennung von Pflege- und Sorgearbeit und das immer prekärere Abwälzen selbiger auf meist migrantische Frauen*. Es ging dabei auch um eine internationale, solidarische Vernetzung und ein Ausrufezeichen aus einem der Zentren des europäischen Krisenregmines.

Wir waren dabei und werden es 2014 wieder sein. Unser Fokus liegt dabei auf der Sichtbarmachung der sonst viel zu oft auch in linken Debatten unsichtbaren Care-Arbeiten und deren sexistischer Verteilung, denn: ohne betreuen, kochen, putzen, pflegen, sorgen, kurz: ohne Care ist unser Zusammen- und Überleben undenkbar!

Als Gruppe arbeiten wir seit mehreren Jahren an einer feministischen Perspektive auf die herrschenden Verhältnisse, was bisher in diversen Veranstaltungen, Workshops, Publikationen und direkten Aktionen seinen Ausdruck fand und weiter finden wird. Gerade beteiligen wir uns an der Vorbereitung für eine ‚Care-Revolution‘ – Konferenz. Außerdem tragen wir die Analyse und Kritik auch in die eigene, bundesweite Organisierung, konkret in die Interventionstische Linke, aber auch in die eigene Gruppe. Hier haben wir uns im Rahmen einer Selbstbefragung unseren individuellen Bedürfnissen angenähert, welche viel zu häufig ins Private geschobenen werden. Wir erhoffen uns so unserem Anspruch „das Private ist politisch“ gerechter zu werden.
Thema ist dabei auch, unsere eigenen Geschlechterverhältnisse kritisch zu beleuchten und zu verändern und wir freuen uns dabei besonders über neue, motivierte Frauen* in unser Gruppe!

Außerdem sind wir genervt von Nazis und allem was dazugehört. Antifaschismus bleibt für uns ein notwendiger Bestandteil von Politik, egal ob nun Pro-Deutschland, die NPD oder sonstige Nazis irgendwo aufmarschieren wollen: Kein Fußbreit dem Faschismus! Wie das geht? Das haben wir in den letzten Jahren mit vielen tausend Menschen vor allem in Dresden, erst kürzlich mit Blockaden in Frankfurt/Main am 1. Mai oder auch beim Verjagen von Pro-Deutschland aus Marburg gezeigt.

Andere rechte Umtriebe, die uns ebenso nerven, haben in Marburg lange Tradition und locken gerade in Zeiten vorherrschender Wohungsnot mit günstigen Zimmern für deutsche Männer: Burschenschaften. Dieser „Haufen verhetzter, irregeleiteter, mäßig gebildeter, versoffener und farbentragender junger Deutscher“ (Kurt Tucholsky) ist dabei nur die neonazistische Spitze des rechten Eisberges – auch vermeintlichen liberalen Studentenverbindungen gilt es aufgrund ihres Elite-Denkens, Nationalismus und des Glaubens an eine natürliche Geschlechterordnung eine klare Absage zu erteilen!

Sind diese Verbindungen erst Mal aufgelöst, lassen sich die dazugehörigen Villen endlich sinnvoll verwenden. Wer in Marburg schon mal eine Wohnung gesucht hat, weiß was wir meinen. So wurde in diesem Jahr, im Zuge zweier Hausbesetzungen in Marburg, neben der Forderung nach einem sozialen Zentrum, auch die Forderung nach bezahlbaren Wohnraum für alle hörbar. Um unser Recht auf Stadt lautstark einzufordern, können wir uns übrigens am 26.10. auf der Nacht-Tanz-Demo ‚Für Ein Recht auf Stadt für Alle‘ sehen und gemeinsam die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen!

Kapitalismus wegschrubben!
Her mir dem guten Leben!
Eure gruppe d.i.s.s.i.d.e.n.t.

Seit 2000 arbeitet die Gruppe d.i.s.s.i.d.e.n.t im Marburger Hochschulmilieu an der Ausbreitung kritischer Theorie und Praxis. Inzwischen engagieren sich Studierende, Promovierende, Erwerbslose und Beschäftigte im Rahmen unserer Gruppe für linke und emanzipatorische Politik. Über die Stadtgrenzen hinaus sind wir in der Interventionistischen Linken organisiert. Wenn du uns persönlich kennenlernen willst, kannst du uns bei unseren Veranstaltungen oder an einem Infotisch treffen. Wenn Du bei uns mitmachen willst, melde Dich einfach bei uns per Mail.

was bedeutet das Sternchen*: Wenn wir von Frauen* sprechen, meinen wir keine homogene Gruppe und keine biologische Tatsache, sondern eine konstruierte, aber gleichzeitig wirkmächtige Kategorie. Dementsprechend wird die Bezeichnung Frauen* verwendet und ein Sternchen hinzugefügt, um die Vielfalt des Begriffes und die jeweiligen unterschiedlichen gesellschaftlichen Positionen mitzudenken.