Statt Weltuntergang: Widerstand

Auch wir haben die jüngsten Ereignisse in Chiapas mitverfolgt: Dazu ein Video und ein Text eines Genossen aus Mexiko unten.
Allerdings passiert nicht nur in Mexiko was. Beispielsweise findet gerade in Hamburg der Chaos Communication Congress des Chaos Computer Club statt – dort geht es unter dem Titel „Not my department“ unter anderem um staatliche Überwachung und deren Techniken, politische und technische Intervention dagegen und um die Unterstützung solch sinnvoller Instrumente wie Tor, freier Software und Verschlüsselungsmöglichkeiten. Hier eines von vielen Presseechos.

Die schweigenden Worte der Zapatistas

Die am vergangenenen Freitag erfolgten Aufmärsche der zapatistischen Bewegung sind symbolischer Ausdruck ihrer Stärke und Geschlossenheit.

Bereits im Vorfeld wurde gemutmaßt. Angedeutet. Gemunkelt. Es geschah also nicht gänzlich unerwartet, wenngleich der Überraschungseffekt nicht weniger schwach ausfiel. Der am vergangenen Freitag erfolgte Aufmarsch der zapatistischen Bewegung im südmexikanischen Bundesstaat von Chiapas war vor allem eines: ein Spiel der Symboliken, Bedeutungen und Interpretationen, kurz: ein klassischer Ausdruck zapatistischer Politik.

Genau genommen bestand der Aufmarsch aus fünf Aufmärschen. Und eigentlich waren die fünf Aufmärsche vielmehr so etwas wie die symboliche Einnahmen fünf lokaler Bezirkshauptstädte: Palenque, Ocosingo, Altamirano, Las Margaritas und San Cristóbal de las Casas. Einige Jahre zuvor, am 1. Januar 1994, wurden sie schon einmal eingenommen. Damals trat die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) erstmals ans Licht der mexikanischen und internationalen Öffentlichkeit. Doch dieser Freitag verlief anders ab. Mit den altbekannten über den Köpfen gestülpten schwarzen Pasamontañas – den Skimasken – und den um den Hälsen gewickelten roten obligatorischen Tüchern marschierten tausende von ihnen in disziplinierter Ordnung und in Schweigen gehüllt in die Zentren dieser ehemaligen Gefechtsschautplätze zwischen Guerrilla und mexikanischer Armee. Dort wurden zuvor in den frühen Morgenstunden flugs fünf wenige Quadratmeter große Holzbühnen aufgebaut. Außenstehende warteten derweil und spekulierten. Doch weder Subcomandante Insurgente Marcos, medienbekannter Sprecher der EZLN und Koordinator der rebellischen Streitkräfte, noch ein Mitglied des Geheimen Revolutionären Indigenen Komitees – Generalkommandatur der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (CCRI-CG EZLN) ist erschienen, um auf der provisorischen Plattform ein Kommuniqué zu verlesen. Stattdessen betraten die zu tausenden vermummten Männer und Frauen selbst die Holzbühnen. Es waren auffalllend viele Jugendliche dabei. Sie stellen heute die zweite und dritte Generation der Bewegung dar. Damals, sowohl während der jahrelangen klandestinen Vorbereitung als auch zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der immer noch stehenden Kriegserklärung an die mexianische Regierung am ersten Januartag 1994, waren sie entweder Kinder oder noch gar nicht geboren, als ihre Eltern in den Reihen der Guerrilla und in den Unterstützergemeinden für die 13 Forderungen – Haus, Land, Arbeit, Ernährung, Gesundheit, Bildung, Information, Kultur, Unabhängigkeit, Demokratie, Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden – eintraten und kämpften.

Mit schnellen Schritten – viele heben die zur Faust geballte Hand in die Höhe – nahmen sie die drei, vier Stufen hinauf, passierten die Bühne und stiegen wieder hinab. Keine Parolen. Keine Rufe. Keine Gesänge. Keine sonstigen Verzierungen oder phrasenhafte politische Selbstdarstellungselemente. Lediglich die Flaggen der mexianischen Nation und die der Guerrilla wurden vorneweg getragen. So abrupt das Spektakel anfing, so ruckartig war es dann auch wieder vorbei und die schweigende Masse verließ die fünf Bezirkshauptstädte in Richtung ihrer fünf autonomen Regierungszentren, den Caracoles („Schneckenhäusern“), in denen sich ebenfalls die „Juntas der Guten Regierung“ befinden.

Das von vielen erwartete und bereits einen Monat zuvor angekündigte Kommuniqué erfolgte schließlich doch noch im Laufe des Tages. Es fasst nur wenige Zeilen und hält sich im Abstrakten: „Könnt ihr das hören? Es ist der Klang ihrer Welt, die zusammenbricht. Es ist die unsere, die wiederkehrt. Der Tag, der Tag war, wurde Nacht, und die Nacht wird der Tag sein, der Tag sein wird.“

Vier Jahre ist es fast her, seitdem die EZLN in Form von Subcomandante Marcos und der Kommandatur das letzte Mal selbst öffentlich in Erscheinung trat. Dies war in den ersten Januartagen 2009, zusammen mit tausenden Gästen und Repräsentanten verschiedenster nationaler und internationaler sozialer Organisationen zum „Festival der Würdigen Wut“ in der indigenen „Universität der Erde“ in San Cristóbal de las Casas. Am 7. Mai 2011 kam es dann zwar zur zweitgrößten Mobilisierung in der Geschichte der EZLN, als sich in der gleichen Stadt mehr als 20 000 Zapatistas dem Aufruf der Bewegung für Frieden mit Gerechtigkeit und Würde anschlossen, doch eine Stellungnahme zu den aktuellen landesweiten Ereignissen oder zur eigenen bedrohten Situation erfolgte nicht.

Wenige Worte, noch weniger klare Worte waren am Freitag dann zu hören. Die Stille dominierte und hat sichtlich den gewünschten Effekt erzielt: das Schweigen der Zapatistas verwandelte sich unlängst in ein neugieriges und interessiertes Raunen und Sprechen auf Seiten der Außenstehenden. Es wird wieder gemutmaßt, angedeutet und gemunkelt über die Zapatistas, nachdem sie fälschlicherweise von vielen in den letzten Jahren bereits auf den Müllhaufen der Geschichte verfrachtet wurden. Von ihrer Wiederkehr ist jetzt die Rede. Doch wie soll etwas wiederkehren, was nie weg war? Weder glänzte die staatliche Repression durch Abwesenheit, noch das Bestreben der Zapatistas, ihren 13 Forderungen selbst Gestalt zu verleihen, indem sie ihre autonomen Strukturen weiterhin ausbauen.

Allen Ungereihmtheiten und Unklarheiten entgegen kommend fragt daher das mexianische Online-Nachrichtenportal Animal Político zu Recht: „Bereits an den symbolischen Diskurs der EZLN gewohnt wissen alle, dass soeben etwas geschehen ist, aber sie wissen nicht was.“

Während aus der westlichen Welt unzählige Missdeutungen der Maya-Zeitrechnung vernommen wurden, fand am 21.12.2012 kein angekündigter Weltuntergang, sondern der Beginn eines neuen Zyklus der Mayas, der 14. Bakun, statt. Zeitgleich jährte sich der 1992 gefallene Beschluss zum bewaffneten Aufstand der EZLN für den 1. Januar 1994 zum 20. Mal. Damit schließt sich in der Maya-Zeitrechnung der Zyklus eines Katun. Mit den Mobilisierungen, die vor allem durch ihre Anzahl und Breite überraschten, wurde ebenso eine neue Phase des zapatistischen Kampfes offiziell angekündigt. Mexikanischen Medienberichten zufolge kamen in Altamirano 5 000, in Ocosingo 6 000, in Las Margaritas 7 000, in Palenque 8 000 und in San Cristóbal de las Casas bis zu 20 000 Zapatistas friedlich zusammen. Hinzu kommen vermutlich noch 8 000 weitere, die im Caracol von La Garrucha bleiben mussten aufgrund fehlender Transportkapazitäten. Insgesamt könnte also deren Anzahl auf bis zu 50 000 geschätzt werden – das größte öffentliche Auftreten seit den ersten Januartagen 1994.

50 000 vermummte Zapatistas, die aus den 5 zapatistischen Regionen 5 Bezirkshauptstädte symbolisch einnehmen. Es ist ein Zeichen der Stärke, Einheit und Geschlossenheit das verbreitet wurde. Es enthält eine zentrale Botschaft für die Regierenden in Mexiko: All die Jahre der Aufstandsbekämpfung, des Krieges niederer Intensität, der Paramilitärs, der Megaprojekte, der Vertreibungen, Inhaftierungen, Korrumpierungen und Morde haben nicht dazu geführt, die zapatistischen Strukturen erfolgreich zu zersetzen, zu zermürben oder gar auszulöschen. Die Bewegung überlebte bisher vier mexikanische Präsidenten und sieben chiapanekische Gouverneure. An den Berichten der „Juntas der Guten Regierung“ gemessen, ist das aktuelle Jahr eines der repressivsten, wenn nicht sogar das Repressivste überhaupt. Stets wenn sich auf Landes- und Bundesebene die Spitze austauscht, nehmen die Aggressionen und Attacken gegenüber den zapatistischen Gemeinden zu, bemerkt Gloria Muños Ramírez, eine mexikanische Journalistin, welche mehrere Jahre mit der Guerrilla in den Bergen lebte.

Auf der einen Seite die Zapatistas, welche eine Welt in Gerechtigkeit, Freiheit und Demokratie anstreben, während auf der anderen Seite die mexianische Regierung mit Zerstörung und Tod antwortet. So ist dann auch das neu erschienene Kommuniqué zu verstehen: Die Nacht als Synonym für die Zapatistas, für all jene, die Widerstand leisten gegen Unterdrückung; aber auch für die indigene Kultur, welche immer weiter zurückgedrängt, ausgelöscht und als kommerzialisierte Folklore behandelt wird. Die Nacht als Mantel der Unsichtbaren, derer, die nicht gesehen werden, aufgrund ihrer Unterdrückung. Jener, die nicht in Erscheinung treten, da es keine Repräsentation für sie gibt innerhalb des Bestehenden. Auf der anderen Seite wird der Tag von den Unterdrückern beherrscht. Doch deren Tag wird zu Ende sein und zur Nacht werden, während die Nacht zum Tag wird. Ein Abgesang auf das Bestehende, dessen Welt zusammenbricht; zeitgleich aber springt eine neue alte Welt empor, aus dem Schatten der Nacht. Sie ist nicht neu, da schon immer vorhanden, sie wurde schon immer gelebt. Erneut dreht es sich um das Sichtbarwerden des Unterdrückten und des Anderen.

Das metaphernreiche Bild der Nacht weist darüber hinaus Verbindungsstricke mit älteren Texten auf. So heißt es zum Beispiel bereits 1996 in der Vierten Erklärung aus dem lakandonischen Urwald: „Wir sind aus der Nacht heraus geboren. In ihr leben wir. In ihr werden wir sterben. Aber das Licht wird morgen für die Anderen sein, für all jene, die in der Nacht weinen, für die, denen der Tag verneint wird.“

Wenngleich die zapatistische Bewegung über die Jahre hinweg stets ihre Taktiken und Strategien änderte, und dadurch mit einem undogmatischen Politikansatz inspirierte, hat sie stets Kohärenz und Einheit in ihrer grundlegenden Handlungs- und Denkweise bewiesen. Daher auch das dem Kommuniqué beigefügte Lied „Como la cigarra“ von Mercedes Sosa, Leon Gieco, Victor Heredia, das an all jene gerichtet ist, die es nicht lassen können, der Bewegung ihre Grabespredigt kundzutun: „So viele Male haben sie mich getötet, so viele Male bin ich gestorben, und dennoch stehe ich hier wieder auf.“

Es wurde seitens der Zapatistas immer wieder betont, dass ihre Uhr anders tickt als die der restlichen Welt. Dass sie eigene Dynamiken haben, Entscheidungen fällen und Aktionen durchführen unabhängig vom Jahresplan der nationalen Politik. Ganz richtig merkte Subcomandante Insurgente Marcos einmal an: „Es ist nicht möglich zu verstehen, was wir sagen, tun und tun werden, wenn man unser Wort nicht fühlt.“ Nun sind die 50 000 Aufständische wieder in ihren autonomen Gemeinden. Die Frage, die sich nun stellt, ist nicht die, ob die Zapatistas ihren Kampf wieder aufnehmen, ihre Autonomie ausbauen oder ihre 13 Forderungen selbst erfüllen, sondern vielmehr: sind Medien, Gruppen und Einzelpersonen endlich in der Lage, auch ohne medienwirksame Spektakel deren Prozesse und Entwicklungen zu sehen und anzuerkennen?