Die Bockwurstparty ist vorbei!

Gegen Rassismus & Antifeminismus unter dem
Deckmantel der Islamkritik

Die Linke Fachschaft 03 veranstaltet vom 20. Juni – 11. Juli eine Vortragsreihe mit dem Titel „Islam, Islamismus und die Linke“. Innerhalb dieser Reihe sollte am 27. Juni Thomas Maul auftreten. Maul vertritt in seinen Werken und Vorträgen rassistische und antifeministische Thesen. Nach Protesten verschiedener linker und feministischer Gruppen hat sich die Linke Fachschaft 03 entschieden, Thomas Maul keine Bühne zu bieten. Diese Entscheidung begrüßen wir sehr. Dennoch halten Einzelpersonen aus dem Vorbereitungskreis daran fest, dass die Veranstaltung stattfinden soll. Wir fordern weiterhin die Absage der geplanten Veranstaltung!

Antimuslimischer Rassismus in der deutschen Gesellschaft …

Antimuslimischer Rassismus ist in der deutschen Gesellschaft weit verbreitet und kein Randphänomen, wie von Thomas Maul behauptet. Er beruht darauf, anhand einer sturen und wortwörtlichen Zitierung des Koran und anderer mittelalterlicher Quellen einen angeblich nicht zu überbrückenden Unterschied zwischen der „europäisch-abendländischen“ und der „islamischen Kultur“ zu konstruieren. Liberale und aufgeklärte Strömungen innerhalb des Islam oder die Tatsache, dass sich die meisten Muslime in Deutschland selber als nicht oder kaum gläubig beschreiben, werden ignoriert. Veränderungen innerhalb der Auslegung des islamischen Glaubens werden unterschlagen und stattdessen ein angeblich nicht veränderbares Wesen des Islam erfunden. Dadurch seien muslimische Menschen grundsätzlich nicht in der Lage, friedlich am Zusammenleben in westlichen Gesellschaften teilzunehmen, sondern im Gegenteil eine Bedrohung, die man ausgrenzen müsse.
Wie verbreitet und anschlussfähig dieser Rassismus in Deutschland ist, zeigen nicht nur krasse Beispiele wie der aus Islamfeindlichkeit motivierte Mord an Marwa El-Sherbini in Dresden vor zwei Jahren und die Vielzahl an (versuchten) Brandanschlägen auf Moscheen, die jedes Jahr in Deutschland verübt werden. Es genügt, einmal Studien zum Thema gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit zur Hand zu nehmen, um sich von der Verbreitung dieser Ressentiments zu überzeugen. Diese zeigen deutlich auf, dass die Islamfeindlichkeit in weiten Teilen der Gesellschaft zunimmt. So gaben 2008 in einer Umfrage der Uni Bielefeld1 46% der Befragten an, dass ihrer Meinung nach „zu viele Muslime“ in Deutschland lebten. Deutlich werden diese Einstellungen auch in der breiten Zustimmung, die Sarrazin in der letztjährigen Debatte zu seinen Thesen erfahren hat. Diese Zustimmung hat offengelegt, wie rassistisch Teile der bürgerlichen „Mitte“ denken.

… in Europa ….

Wirft man einen Blick über die deutschen Landesgrenzen, so zeigt sich noch klarer, wie gefährlich derartige Einstellungen sind. In den meisten europäischen Ländern gibt es eine oder mehrere rechtspopulistische Parteien, die diese Einstellungen kanalisieren und in Wahlerfolge ummünzen. Erinnert sei an antimuslimische Hetzkampagnen wie „Daham statt Islam“ in Österreich oder den Volksentscheid zum Minarettverbot in der Schweiz. In einigen Ländern wie Italien, den Niederlanden oder Österreich sind derartige Parteien gar an der Regierung beteiligt. Dass es in Deutschland bisher nicht gelungen ist, eine derartige Partei zu etablieren, bedeutet nicht, dass diese Gefahr hier nicht bestünde.

… und in der „Linken“

Was hat das alles mit Thomas Maul und der Linken Fachschaft zu tun? Maul schreibt vor allem in der Bahamas, einem Blatt, das Anfang der 1990er Jahre aus einer Spaltung des Kommunistischen Bunds hervorgegangen ist und sich seitdem kontinuierlich nach rechts bewegt. Mittlerweile versteht sich diese Zeitschrift selbst nicht mehr als links, sondern als „ideologiekritisch“ und fällt u.a. durch antimuslimische Hetze auf. Bereits im Jahr 2003 attestierte sie z.B. dem extrem rechten Politiker Jean-Marie Le Pen „vernünftige Einwände gegen die ungebremste Islamisierung“2. Trotz dieser Entwicklung wird sie in Teilen der Linken weiter rezipiert – oder sich zumindest nicht klar abgegrenzt, weshalb Bahamas-Autoren immer noch in strömungsübergreifenden linken Medien wie jungle world schreiben dürfen.
Die oben angesprochenen rechtspopulistischen Parteien werden von Redakteuren der Bahamas schon mal positiv erwähnt. So bezog sich Sören Pünjer auf einer Veranstaltung in Leipzig3 in diesem Jahr positiv auf eine gemeinsame Erklärung rechtspopulistischer Parteien wie der österreichischen FPÖ, dem belgischen Vlaams Belang, der Schwedendemokraten und der relativ neuen deutschen Partei Die Freiheit. Auch in den von Maul angegebenen Quellen für seine Schriften ist eine Überschneidung zur rechten Islamkritik erkennbar. So zitiert er beispielsweise für einen Artikel in der Zeitung jungle world4 den rechten Autor Hans-Peter Raddatz, der auch schon mal den drohenden Untergang des deutschen Volkes herbeihalluziniert. Ebenso bezieht sich Maul in seinem Artikel positiv auf Christine Schirrmacher, Funktionärin des Evangelikalen-Dachverbands Deutsche Evangelische Allianz. Dieser Verband war u.a. an der Organisation des „Homoheiler-Kongress“ 2009 in Marburg beteiligt.
Während die vermeintliche Bedrohung durch „den Islam“ konsequent übertrieben wird, relativiert Maul in der gleichen Zeitschrift die Gefahr der „Zweckentfremdung von Islamkritik für ordinären Ausländerhass“ als „gesellschaftlich völlig irrelevant“. Vor dem Hintergrund der Einladung Mauls durch die Linke Fachschaft 03 erscheint uns daher ein weiterer Aspekt besonders wichtig: Die Islamfeindlichkeit steigt auch und insbesondere unter Menschen an, die sich selbst politisch links verorten5. Als Begründung wird oft die Kritik an homophoben und sexistischen Einstellungen angeführt. Diese Kritik ist selbstverständlich richtig und wichtig – sie verliert aber ihren emanzipatorischen Charakter und wird zur Entschuldigung für rassistische Vorurteile, wenn sie derartige menschenfeindliche Einstellungen pauschal allen muslimischen Menschen unterstellt oder gar aus „dem Wesen des Islam“ ableitet. Mit dieser wiederum in der extremen Rechten anschlussfähigen, pauschalisierenden Kritik schließt sich der Kreis. Dies zeigen die begeisterten Reaktionen auf das Buch Mauls auf dem rassistischen Blog Politically Incorrect – die er selber wiederum auf seiner Homepage verlinkt6.

Ein trend geht um: Antifeminismus

Als wäre das alles nicht genug, sucht sich Thomas Maul neben seinem Feindbild Islam auch den Feminismus als Gegner aus. So werden von ihm die Gender Studies als „spirituelle Avantgarde der Selbstzerstörung des Westens“7 bezeichnet und AntisexistInnen mit IslamistInnen verglichen, was er allen Ernstes an Kapuzenpullovern „beweist“: „Wie der Islamist und der antikoloniale Befreiungskämpfer sucht auch der Antisexismus die eigene Unzulänglichkeit bei der Bewältigung der sexuellen Ambivalenz des bürgerlichen Individuums durch eine Strategie übersexualisierender Desexualisierung zu kaschieren: hier zwingen die Mullahs den Frauen Kopftuch und Mantel auf, da gelten den Antisexisten unförmige Hosen und Kapuzenpullis als adäquater Ausdruck einer Gesinnung, die Feminismus mit Haß auf Schönheit, Sinnlichkeit und Darstellung von Sexualität verwechselt,[…]“8.

Es reicht!

Die Hetzthesen von Thomas Maul sind gefährlich und nicht hinnehmbar. Wir fordern: Keine Toleranz für antimuslimischen Rassismus und Antifeminismus in linken Diskursen! Gesellschaftskritik statt Schwarz-Weiß-Denken!

Beschimpfungen, Applaus, Nazivergleiche usw. bitte an:
4dissident [at] gmx.de

  1. http://www.uni-bielefeld.de/ikg/zick/Islam_GFE_zick.pdf [zurück]
  2. http://www.hagalil.com/01/de/Europa.php?itemid=568 [zurück]
  3. http://www.redaktion-bahamas.org/aktuell/110121leipzig-dokumentation.html#Text4 [zurück]
  4. http://jungle-world.com/artikel/2010/20/40983.html [zurück]
  5. http://www.tagesspiegel.de/politik/besserverdienende-werden-islamfeindlicher/3588684.html [zurück]
  6. http://www.thomasmaul.de/2010/07/rezension-von-gudrun-eussner.html [zurück]
  7. http://www.hintergrund-verlag.de/buecher-feindbild-islamkritik.html [zurück]
  8. http://www.thomasmaul.de/2010/07/vom-kapuzenpulli-zum-frauendeck.html [zurück]