8. März – 100 Jahre internationaler Frauentag – Ein Grund zum feiern?

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„Die großen Gleichstellungskämpfe um Abtreibung, Arbeit und Ehe sind ausgefochten, wir haben eine Kanzlerin, und noch nie in der Geschichte waren so viele Frauen so erfolgreich wie heute.“ (Thea Dorn)

Dieses Jahr wird zum 100. Mal der internationale Frauentag gefeiert. Der Ursprung dieses Tages geht auf die Frauenrechtlerin Clara Zetkin und sozialistische Arbeiterinnenkämpfe zurück. Unter schwierigsten Bedingungen setzten sich Frauen damals für das allgemeine Wahlrecht und rechtliche Gleichstellung ein – nicht nur gegen die konservative Mehrheit, sondern auch gegen Widerstände in Teilen der Arbeiterbewegung. Weiterhin verlangten sie ein Recht auf Bildung, gleichen Lohn für gleiche Arbeit, verbesserte Arbeitsschutzbedingungen und eine Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs. Am 8. März wird auch heute noch für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern demonstriert und gefeiert, aber brauchen wir das überhaupt noch?

In vielen europäischen Ländern sind Quoten und Gender Mainstreaming in staatlichen Institutionen und Unternehmen fest verankert. In der Bundesrepublik erleichtern Antidiskriminierungsgesetze das Klagen gegen ungerechte Behandlung. Betreuungs- und Sorgearbeit wird zunehmend anerkannt, sei es durch den Ausbau von Betreuungsplätzen auch für Kleinkinder oder den Mindestlohn in Pflegeberufen. Durch die Einführung von Vätermonaten wird versucht, Kindererziehung für Männer attraktiver zu machen.

IST DAS PATRIARCHAT PASSE?


Im globalen Maßstab steht Deutschland in punkto Gleichstellung der Geschlechter ganz gut da. Aber international drängen sich noch ganz andere Fragen von Frauenunterdrückung auf, seien es die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen von Fabrikarbeiterinnen in Maquiladoras, dass in Südafrika alle 10 Minuten eine Frau vergewaltigt wird oder dass sich in Indien immer mehr Frauen als Leihmutter für Europäerinnen verdingen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Ein momentaner Lichtblick: die arabischen Revolutionen. Hier etablierte sich z. B. auf dem Tahrir-Platz in Ägypten zumindest temporär eine egalitärere Geschlechterordnung, wo Frauen sich gleichberechtigt und angstfrei bewegen konnten.

Doch nun zurück zur BRD, auch hier ist nicht alles prächtig. So nimmt nur jeder siebte Vater überhaupt seinen Anspruch auf Vaterschaftsurlaub wahr, und dann meist nur für zwei Monate – Kindererziehung bleibt also in den allermeisten Familien weiterhin Frauensache. Es lassen sich leicht weitere Beispiele anführen, die zeigen, dass auch nach über 100 Jahren Frauenbewegung viele Forderungen weiterhin nicht erfüllt und wir von tatsachlicher Gleichstellung noch weit entfernt sind. Trotz vieler Erfolge ist das Bild von „richtiger“ Erwerbsarbeit noch immer männlich geprägt. So gibt es nur 5,9% Frauen im Topmanagement der großen Unternehmen, Frauen verdienen 23% weniger als ihre männlichen Kollegen und profitieren als ALG II-Bezieherinnen 50% seltener von Fördermaßnahmen der Jobcenter. Dafür übernehmen sie den weitaus größeren Teil der Arbeiten im Haushalt und dabei vor allem die unbeliebten Arbeiten wie Waschen und Putzen. Wenn die Grenzen auch teilweise durchlässiger werden, bleiben Frauen und Männer noch immer grundsätzlich ihrer spezifischen – vermeintlich natürlichen – Hauptaufgabe zugeordnet. Kein Wunder, dass Männer emotional von Erwerbslosigkeit oft stärker betroffen sind, können sie doch ihrer gesellschaftlich zugeschriebenen Aufgabe als Familienernährer nicht mehr nachkommen. Erwerbslose Frauen hingegen, können sich dann auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter „zurückbesinnen“.

Diese materiellen Unterschiede, die in der Regel noch immer Frauen benachteiligen, sind jedoch nicht das einzige Problem: Jede vierte Frau wird in ihrem Leben Opfer sexualisierter Gewalt und die Angst vor Vergewaltigung schränkt viele Frauen darin ein, sich nachts frei zu bewegen. Entgegen gängiger Meinung ist Abtreibung in Deutschland nach wie vor stigmatisiert und illegal, auch wenn sie nicht mehr juristisch verfolgt wird. Im Jahr 2010 wurde der § 218 sogar noch mal verschärft, indem die Wartezeit bei Spätabtreibungen zwangsverlängert wurde.

GLEICHSTELLUNG AUF ALLEN EBENEN?

Nun kann natürlich darauf vertraut werden, dass diese Missstände demnächst Geschichte sind. Stellen sich doch heute scheinbar nur noch ein paar Ewiggestrige gegen die Gleichstellung der Geschlechter, wahrend selbst die CDU Frauenquoten fordert. Aber wollen wirklich alle, die von Gleichberechtigung reden, auch tatsächlich die Emanzipation von Frauen und Männern und die Aufhebung von deren gesellschaftlich zugeschriebenen Geschlechterrollen? Schon das Festhalten am Ehegattensplitting oder die Forderung nach einer „Herdprämie“ zeigen, dass in konservativen Kreisen an einem Zuverdienermodell festgehalten wird und Frauen neben ihrer Teilzeitarbeit doch lieber den Großteil ihrer Lebenszeit in der Küche und mit den Kindern verbringen sollen.

Gleichzeitig drängt sich ein „neuer Feminismus“ bis in die Talkshows des Abendprogramms. Hier geht es um starke Frauen, die keine Quoten brauchen, weil sie es „alleine“ schaffen. Wie im Märchen vom Tellerwäscher, der es zum Millionär bringt, wird heute der Eindruck erweckt, dass es alle Frauen nach oben schaffen können, wenn sie sich nur genug anstrengen, selbstbewusst auftreten und „ihre“ Vereinbarkeitsproblematiken alleine lösen. Mit diesem Argument gibt sogar „Frauenministerin“ Kristina Schröder den Frauen eine Mitschuld daran, dass sie immer noch weniger verdienen als Männer. Diese neoliberale Leistungsideologie verdeckt jedoch, dass hinter den Ungleichheiten nicht individueller Unwille steckt, sondern gesellschaftliche Strukturen, die Frauen benachteiligen.

DAS NEUE AM NEUEN FEMINISMUS – ODER KAPITALISMUS IM NEUEN GEWAND

Dass dieser „neue Feminismus“ aber nur ein exklusives und elitäres Projekt sein kann und nichts mit Feminismus zu tun hat, wird spätestens dann deutlich, wenn sich der Blick darauf richtet, wer in den besser gestellten F-Klasse Haushalten die ungeliebten Arbeiten macht. Die hier gelebte Emanzipation ist eben nur auf Kosten weniger privilegierter Menschen und unter ausbeuterischen Verhältnissen zu haben. Die „polnische Putzfrau“ ist hierbei nicht nur ein Stereotyp, sondern tagtägliche gesellschaftliche Wirklichkeit. Und sie arbeitet nicht nur für die aufstrebende Mittelschicht, sondern kommt auch da zum Einsatz, wo die Familie auf das Einkommen beider Partner angewiesen ist und das Auslagern der Reproduktionsarbeit immer noch billiger kommt, als dass die Frau zu Hause bleibt.

Bei diesem Phänomen, welches als „Care Chain“ (globale Versorgungskette) bezeichnet wird, geht es nicht nur um die „polnische Putzfrau“, sondern um weltweite Arbeitsmigrationsströme, wo vor allem Frauen aus ärmeren Ländern in Industrienationen kommen, um Geld für ihre Familien zu verdienen. Es entsteht das Paradox, dass innerhalb der „Care Chains“ die Frauen zu Hauptverdienerinnen in der Familie werden und Geschlechterrollenbilder auf eigentümliche Weise aufgeweicht werden, jedoch nicht die geschlechtliche Arbeitsteilung per se. Denn die in den ärmeren Ländern liegen gebliebene Familienarbeit verrichten nun andere Frauen, entweder Familienmitglieder oder wiederum Migrantinnen.

Die grundsätzliche Frage aber, wie gesellschaftlich notwendige Versorgungsarbeit eigentlich organisiert sein sollte, wird nicht gestellt. Vielmehr wird die Arbeit einfach auf „noch“ weniger privilegierte Frauen verschoben. Das Los der (unbezahlten oder nur schlecht bezahlten) Reproduktionsarbeit wird lediglich zwischen Frauen hin und her geschoben. Das Outsourcing von Reproduktions- und Care-Arbeit bildet damit eine neue Form von globalen Unterdrückungsverhältnissen, auf die der Kapitalismus schon immer angewiesen war und auch in Zukunft angewiesen sein wird. Diese Prekarisierung weiblicher Arbeit wird dabei zu einem zentralen Kosten- und Wettbewerbsvorteil im globalisierten Kapitalismus. Dabei wird deutlich, dass die vermeintliche Emanzipation weiterhin der (zwei)geschlechtlichen Organisation der gesellschaftlich notwendigen Arbeit bedarf, sich aber darüber hinaus mit anderen Unterdrückungsmechanismen verbindet. „Rasse“, Klasse und Geschlecht sind heute erst recht nicht mehr getrennt zu betrachten, sondern gerade in ihrer Überlagerung und Wechselwirkung. Daraus ergibt sich einmal mehr die Forderung, dass ein Frauenkampftag nur im globalen Maßstab gedacht werden kann, d. h. wir müssen mit den Frauen (und Männern) aus aller Welt zusammen reden und kämpfen und den Versuch unternehmen unsere oftmals eurozentristische Sicht abzulegen.

WAS IST GESELLSCHAFTLICH NOTWENDIGE ARBEIT?

Was es braucht ist eine gesamtgesellschaftliche Debatte darüber, was gesellschaftlich notwendige Arbeit sein soll und wie diese solidarisch und kollektiv organisiert werden kann. Stattdessen ist Care- und Reproduktionsarbeit immer noch Privatsache – wobei die gesellschaftliche Organisation von Arbeit nach wie vor entlang von Geschlecht funktioniert – oder sie wird ökonomisiert und dadurch abhängig vom Geldbeutel. Damit geht es nicht nur um die Frage, wer welche Arbeit macht, sondern darum, wie wir unser Leben gemeinsam und gleichberechtigt ausgestalten möchten. Hierbei müssen die feministischen Debatten weitergeführt werden, die Geschlechterverhältnisse in ihrer ganzen weltweiten Bandbreite, mit all ihren Widersprüchen, Brüchen, Ungleichzeitigkeiten und Widerständigkeiten thematisieren.

FEMINISMUS – POLITISCH, UTOPISCH, LINKSRADIKAL!

Welche Forderungen müssen sich für ein feministisches Projekt also stellen? Es reicht auf keinen Fall die alleinige Forderung nach mehr Frauen in Führungspositionen aus, solange Frauen noch immer den Großteil der Familien- und Versorgearbeit übernehmen müssen. Männer müssen also viel stärker in den Bereich von Care-Arbeit eingebunden werden.

Dafür muss die Frage nach gesellschaftlich notwendiger Arbeit neu gedacht werden und es muss anerkannt werden, dass Arbeit und ihre Aufteilung anders strukturiert sein muss. Grundlegend ist also die Frage, wie eine andere Vergesellschaftungsform aussehen kann, die uns den Weg hin zu einer freieren und gleicheren Gesellschaft ebnet. Dabei müssen wir alternative Möglichkeiten kollektiven Zusammenlebens, jenseits des Kleinfamilienmodells denkbar und lebbar machen, um uns von klassischen Geschlechterrollenbildern verabschieden zu können. Und solange wir in einer kapitalistischen Gesellschaft leben, die selbst in unsere Körper und Köpfe eine Logik der Verwertung und der Ausbeutung einschreibt, darf der Kampf dagegen kein individualistisches Bestreben – ganz nach Thea Dorn – bleiben, sondern muss kollektiv und international gestaltet werden.

KEIN FRIEDE DEM PATRIARCHAT !
FUR DEN FEMINISMUS!
DIE EMANZIPATION ALLER MENSCHEN ERKÄMPFEN!

Gruppe d.i.s.s.i.d.e.n.t.
Organisiert in der interventionistischen Linken