Nur gegen Lohnarbeit? Das reicht uns nicht!

Wir dokumentieren hier unsere Rede, die wir auf der bundesweiten Demonstration Endlich wird die Arbeit knapp! Kapitalismus abwracken! am 30.4. in Frankfurt/Main gehalten haben. Wir sind der Ansicht, dass es bei der Debatte um Arbeit um mehr geht als um Lohnarbeit.

Wir sind heute hier auf der Straße, um laut und deutlich zu zeigen, dass der Kapitalismus ein Scheiß‘System ist und mitsamt seiner Lohnarbeit abgeschafft gehört. Oder um im Krisentenor zu sprechen: wir fordern die Abwrackprämie für den Kapitalismus!
Doch wie sich mit der derzeitigen Krise zeigt, hat der Kapitalismus viele Gesichter aus diesem Grunde heisst es für uns „Wilkommen im Krisengebiet“
und stellt uns vor die Herausforderung, uns mit allen Facetten der kapitalistischen Verwertung zu befassen. Und da die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung unabdingbarer Bestandteil dieses Verwertungsprozesses ist, fordern und schreien wir ebenso laut nach der Abwrackprämie für das Patriarchat!

Wir wehren uns gegen eine Kritik am Kapitalismus, die sich auf die Abschaffung der Lohnarbeit beschränkt, die Logik der Trennung in bezahlte Arbeit und unbezahlte Arbeit aber unangetastet lässt.
Erst diese Unterscheidung ermöglicht die Steigerung der Zumutungen und Ausbeutungen im Bereich der bezahlten Lohnarbeit, weil ja die Arbeitskraft unentgeltlich als Liebesdienst oder Selbstverständlichkeit „zu Hause“ wiederhergestellt wird. Ebenso ermöglicht sie die Profitsteigerung durch die massenhafte Auslagerung von Fertigung in entrechtete und nicht öffentliche Sphären der Hausfrauisierten Produktionsarbeit.

So werden Frauen nicht nur bei uns, sondern weltweit in den sogenannten Billiglohnländern in ausbeuterischen Verhältnissen gezwungen unter den widrigsten Bedingungen und für Hungerlöhne zu arbeiten, meist sind dies junge unverheiratete Frauen.
Zum anderen sind es diese Frauen, die wenn sie älter werden, verheiratet sind oder Kinder haben, aus der Fabrik rausgeschmissen werden und in noch entrechteteren Verhältnissen in Heimarbeit weiterhin Produkte für den Weltmarkt herstellen.
Sie arbeiten als „hausfrauisierte LohnarbeiterInenn“ mit noch weniger Entlohnung und ArbeiterInnenrechten für das globalisierte Kapital, vor allem in den weit verbreiteten peripheren Produktionszonen, z. B. in China oder wie die Frauen in den Sonderwirtschaftszonen von Maquilladoras.
Somit unterliegen unzähligen Tätigkeiten die nicht unter Lohnarbeit gezählt werden genauso und noch viel stärker den Mechanismen kapitalistischer Ausbeutung. Diese Heimarbeit ist, wegen einem fehlendem Arbeitsplatz, schlechter materieller Ausstattung, fehlenden Rechten, Isolation und fehlender Trennung von Arbeit und Leben noch schlimmer ausgebeutet als Lohnarbeit.

Und was die Reproduktionsarbeit betrifft: auch wenn wir uns als europäische Mittelschichtsfrauen durch unseren Wohlstand so mancher unliebsamer Arbeit entledigen könnten, in dem wir sie uns entweder bezahlen lassen oder sie bezahlt an Dritte delegieren, um dann statt dessen prekäre lohnzuarbeiten.
Die Frauen, an die unsere Arbeiten delegiert werden, sind ihrerseits nur durch die Inanspruchnahme sozialer oder Familiennetzwerke oder durch die Arbeit von Frauen aus noch viel ärmeren Ländern dazu in der Lage, die von ihnen hinterlassenen Lücken fehlender Reproduktionstätigkeiten auszufüllen.
Mit unserer Loslösung von Haus und Herd ist damit keinesfalls das Problem kapitalistischer Arbeitsorganisation abgeschafft, sondern nur verlagert. Das quasi Outsourcing unserer Reproduktionsarbeit ist dabei nur eine neue Form kolonialer Unterdrückungsverhältnisse, auf die der Kapitalismus schon immer angewiesen war und auch in Zukunft angewiesen sein wird.
So wird das Los unbezahlter Reproduktionsarbeit zwischen Frauen hin und her manövriert. Diese Prekarisierung weiblicher Arbeit avanciert dabei zum zentralen Kosten- und Wettbewerbsvorteil im globalisierten Kapitalismus.

Die reine Kritik an Lohnarbeit, auf die auch viele Linke immer wieder verfallen verliert damit das Wesentliche aus dem Blick: nicht allein die Lohnarbeit ist die Wurzel allen Übels, sondern die durch patriarchale und koloniale Unterdrückung erzwungenen Sphären unbezahlter Arbeit, die die Ausbeutung von Lohnarbeit erst ermöglichen.

Wenn wir also den Kapitalismus abschaffen wollen, müssen wir uns nicht nur vom Selbstverständnis der guten Arbeitsgesellschaft verabschieden, die auch von Linken nach wie vor als zentrales Kampf- und Interventionsfeld formuliert wird, sondern dürfen nicht in dieselbe Falle der Logik kapitalistischer Arbeitsorganisierung tappen, die uns die befreite Gesellschaft andronzentristisch als eine Überwindung des Reichs der Notwendigkeiten vorstellt.

Wenn wir die aktuell geleistete, unbezahlte, gesellschaftliche Arbeit konsequent mitdenken wollen, kann die Utopie einer befreiten Gesellschaft nicht jenseits von Arbeit, sondern vielmehr nur durch die Befreiung der Arbeit aus ihrer kapitalistischen Vergesellschaftung hervorgehen.

Dabei geht es um nicht weniger, als um die Wiederaneignung unserer Lebensproduktion und damit um die Wiedererlangung der Autonomie über unsere Lebens-Selbstversorgung. Also um ein selbstbestimmtes Leben.

Ein Ansatz hierfür wäre, der Logik der Arbeit die Logik des Lebens entgegen setzen, für eine Gesellschaft die nach Bedürfnissen und nicht nach Kapitalverwertung ausgerichtet ist.

Nicht die Abschaffung von Arbeit ist demnach unser erklärtes Ziel sein, sondern deren Befreiung und damit für Rückgewinnung der Autonomie über unser Leben.

So sehr im Sicherheitstenor der Herrschenden MigrantInnen ein Übel und eine Bedrohung darstellen, desto mehr sind sie doch paradoxerweise unabdingbar für die Aufrechterhaltung der jetzigen kapitalistischen Gesellschaftsformation.
Frauen aus Osteuropäischen Ländern, wie Moldavien lassen ihre Kinder und Familien zurück um in EU-Ländern wie Italien in Privathaushalten zu arbeiten.

All diese Verstrickungen bleiben aber in diesem Moment der Krise nicht widerstandslos. Die italienische Studierendenbewegung vom Herbst 2008 schuf mit „Wie bezahlen nicht für eure Krise!“ als erste Bewegung einen internationalen oder doch zumindest europäischen Slogan mit Bezug auf die aktuelle Krise.

In Frankreich und Griechenland entzündeten sich flammende Proteste. Am 1. März diesen Jahres wurde das erste Mal in Italien und Frankreich ein Streik von MigrantInnen organisiert, der in Italien tausende von Menschen auf die Straße bringt. Dies ist in erster Versuch, einer Organisierung von Arbeitskämpfen, die sich häufig schwieriger gestalten, als andere, ein erster Aufschlag ist getan.

Morgen ist der 1.Mai und in hunderten europäischen Städten werden Menschen auf die Straße gehen, für ein anderes, ein besseres Leben.
Wir sind Prekäre, Arbeitslose, Studierende, HartzempfängerInnen, alleinerziehende Mütter, MigrantInnen. Wir alle werden beschnitten in unserem Wunsch nach Befreiung und Autonomie.
Auch wir werden heute hier laut sein, so dass uns die GenossInnen in Italien, die in diesem Jahr den Mayday und ihren Widerstand unter das Licht des Geschlechteraspektes stellen, die GenossInnen in Frankreich, in Griechenland und all den anderen Ländern uns hören können.
Der 1. Mai ist ein Tag unseres antagonistischen Widerstandes und das werden wir den Herrschenden heute und morgen deutlich entgegen bringen.

Im globalen kapitalistischen Patriarchat kann es keine Gleichheit für alle geben! Gegen Lohnarbeit, deren patriarchale Strukturierungen und den Kapitalismus!

Für eine herrschaftsfreie Gesellschaft! Für die Emanzipation aller Menschen!
Für den Kommunismus!