Archiv für September 2009

16.10. Karl Heinz Roth in Marburg

Karl Heinz Roth: 16.10., 18:30 Uhr, Marburg, Orientzentrum in der Deutschhausstraße 12 (Hörsaal 00A26): Die globale Krise.

Karl Heinz Roth beschäftigt sich in seinem kürzlich erschienenen Buch „Die Globale Krise“ mit der Weltwirtschaftskrise und den durch sie ausgelösten Proletarisierungsprozessen. Dass aus der Systemkrise ein vielschichtiges Multiversum der Unterklassen hervorgeht, das in der Lage sein könnte, auf das Krisenmanagement der herrschenden Eliten selbstbestimmt zu antworten, ist dabei eine seiner zentralen Thesen. Wir wollen mit Karl Heinz Roth die globale Krise analysieren, ihre Folgen aufzeigen sowie erörten welche Schlussfolgerungen und Gegenperspektiven sich für eine emanzipatorische Bewegung ergeben.

Das aktuelle Buch von Karl Heinz Roth: Die globale Krise

Veranstalter sind die Gruppe d.i.s.s.i.d.e.n.t. (organisiert in der Interventionistischen Linken) und der VSA: Verlag; unterstützt wird die Veranstaltung von der DGB-Jugend Mittelhessen.

Über Futures und Optionen – die nahe Zukunft


Angekündigte Einbrüche in den Landesfinanzen, Kurzarbeit in verschiedenen Betrieben des Marburger Umlands und die erste Welle des Stellenabbaus, etwa bei der Firma Fritz Winter in Stadtallendorf, zeigen: Auch im beschaulichen Marburg machen sich die Folgen der Wirtschaftskrise bemerkbar. Derzeit werden die Krisenfolgen durch Kurzarbeit und Abwrackprämie noch bis zur Bundestagswahl abgemildert. Bis dahin gibt es nach Berichten der Financial Times Deutschland eine Art Stillhalteabkommen zwischen Politik und Wirtschaft – anschließend stehen Massenentlassungen an (FTD, 25.08.09). Kurzarbeit, Bankenrettung, Konjunkturprogramm und Abwrackprämie stabilisieren noch die Nachfrage und damit auch den Arbeitsmarkt. Danach wird die Krise zum Tragen kommen und dies zwar noch, wenn die EigentümerInnen von Unternehmen schon längst wieder steigende Gewinne und Ausschüttungen verzeichnen können. Erst dann werden Arbeitslosigkeit, Inflation, steigende Konsumsteuern (vor allem die Mehrwertsteuer) und Abgaben zeigen, dass die enormen Mittel, die in den Rettungspaketen und Notkrediten verheizt wurden, auch wieder aufgebracht werden müssen.
Bei der öffentlichen Hand werden die Haushaltslöcher durch die Krise größer werden: Auszugehen ist bis 2010 von einem Loch von etwa 30 Milliarden in der gesetzlichen Kranken- und Arbeitslosenversicherung. Den Ländern fehlen knapp 15 Milliarden in der zweiten Jahreshälfte ’09 – dabei schlagen zahlreiche Ausgaben der Rettungspakete noch gar nicht zu Buche (spiegel.de, 21.08.09). Gerade bei den Kommunen werden durch Abschreibungen, reale Verluste und Arbeitslosigkeit die Steuereinnahmen aus Gewerbe- und Einkommenssteuern versiegen. Die Krise wird sich daher besonders auch lokal zeigen und ausgetragen werden – durch Betriebsschließungen und Entlassungen vor Ort, durch Kürzungen in der (kommunalen) Infrastruktur und Daseinsvorsorge wie auch im sozial-politischen und kulturellen Bereich. In Hessen werden gerade in den Bereichen, in denen die Kommunen nach der Operation Sichere Zukunft für fehlende Landesmittel eingesprungen sind, Projekte und Institutionen ihre Türen schließen müssen.
Trotz Kurzarbeit wurden seit Beginn der Krise bei den Dax-Unternehmen in Deutschland rund 30.000 Jobs gestrichen. Dafür gießen die gleichen Unternehmen im Jahr 2009 stolze 23,5 Milliarden Euro in Form von Dividenden an die Aktionäre aus. Während uns erzählt wird, alle seien von der Krise betroffen, es gebe gar einen „Kriseneffekt der Gleichmacherei“ (Klaus Zimmermann), zeigen die Zahlen Anderes. Wir können sehen, was die Krise gerade eben hat: einen Klassencharakter. Der Weltreichtumsbericht der Unternehmensberatung Capgemini und der Investmentbank Merrill Lynch beziffert die Zahl der Millionäre in Deutschland auf 810.000 (das sind gerademal 21.000 weniger als noch letztes Jahr) – aber deutlich mehr als 2006 (798.000).
Die ArbeiterInnen, Angestellten, HausarbeiterInnen, Prekären und Erwerbslosen erlebten und erleben allerdings eine andere Realität: Angesichts von immer weniger Geld für ihre Arbeit oder als Sozialleistungen und der schwindenden Absicherung von Lebensrisiken wie Alter, Pflegebedürftigkeit oder Krankheit kriegten in der Vergangenheit schon viele ihre ganz individuelle Krise. (mehr…)