Die dunkle Seite der Macht – Zur Beweihräucherung von Vernunft, Hedonismus und Revolution

I.

Als Karl Marx 1844 seine „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ verfasste, eröffnete er mit dem Satz: „Für Deutschland ist die Kritik der Religion im wesentlichen beendigt, und die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik.„Die Voraussetzung war erfüllt, und das kritische Denken konnte sich neuen und wichtigeren Aufgaben zuwenden. Marx ließ sich allerdings nicht nehmen, zuerst noch einmal den Diskussionsstand in Sachen Religionskritik zu präsentieren:
Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät. Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewußtsein, weil sie eine verkehrte Welt sind.
Die Religion ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt. Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist.
Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.
Die Kritik der Religion enttäuscht den Menschen, damit er denke, handle, seine Wirklichkeit gestalte wie ein enttäuschter, zu Verstand gekommener Mensch, damit er sich um sich selbst und damit um seine wirkliche Sonne bewege.
Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.

II.

Dass es immer noch lohnt, diesen Text ausführlich zu zitieren, ist unerfreulichen Gegebenheiten geschuldet. Der kategorische Imperativ, er bleibt gültig, weil die umzuwerfenden Verhältnisse bestehen. Schlimmer noch, wenn auch folgerichtig: Der religiöse Wahn, das verkehrte Weltbewusstsein zur verkehrten Welt, hat mitnichten abgedankt. Im Gegenteil scheint es sich wieder auszubreiten, und seine Anhänger erheben den Anspruch, die Welt nach ihren phantastischen Prinzipien zu gestalten. Der politische Islam, der evangelikale Fundamentalismus, die Esoterikschwätzer und all die anderen: Sie predigen unterschiedliches, sie konkurrieren miteinander, sie wählen unterschiedliche Mittel. Sie treffen sich aber in der Ablehnung von Aufklärung und Emanzipation, und deswegen müssen sie theoretisch und praktisch bekämpft werden.

III.

Warum in die Ferne schweifen – wenn der Gegner auch vor der eigenen Haustür dingfest gemacht werden kann? Manifestationen reaktionärer Religiösität finden sich nicht nur im Orient oder im us-amerikanischen Bible Belt. In diesen Wochen findet in Marburg ein regelrechtes Schaulaufen von Religions-Kuriositäten statt. Die Burschenschaft Rheinfranken lädt sich am 12.5. einen hohen Vertreter der katholischen Piusbruderschaft ein. Wir erinnern uns: Der Ratzepapst, selbst nicht eben bekannt für seine fortschrittlichen An- und Absichten, hat sich jüngst einigen Ärger im eigenen Verein eingehandelt, als er diesen kleinen Altherrenklub wieder in den großen Altherrenklub namens katholische Kirche aufgenommen und dabei geflissentlich übersehen hat, dass er sich damit nicht nur Befürworter der Judenmissionierung, sondern einen veritablen Holocaustleugner ins Boot holt. Über eine besondere Frömmigkeit der Rheinfranken ist nichts bekannt; wenn es aber darum geht, sich mit Leuten zu verbünden, die wegen ihrer fragwürdigen – sagen wir mal: rechtskonservativen – Ansichten die Quittung in Form gehöriger öffentlicher Kritik bekommen, empfinden sie offenbar tiefes Mitgefühl und bitten auch mal einen Bruder statt eines Kameraden „aufs Haus“. Kuriosität ja. Überraschung? Nicht wirklich.
Vom 20.-24. Mai dann ein Ereignis, das mit etwas größerer Massenwirksamkeit gesegnet sein dürfte: Der „6. Internationale Kongress für Psychotherapie und Seelsorge“ ist angekündigt. Schon der Titel lässt eine unheilvolle Verquickung von medizinischer Praxis und Missionierungsdrang vermuten. Dieser Verdacht wird schnell bestätigt: Die ReferentInnen rekrutieren sich auch aus solchen Randgruppen der Gesellschaft, in denen Abtreibung und Homosexualität als Gewaltakt gegen eine halluzinierte gottgewollte Ordnung gelten, die zugleich tiefsten psychischen Schaden anrichtet. Seelen müssen gerettet werden! Einige von ihnen haben derlei Ansichten in der Vergangenheit in aller Deutlichkeit kundgetan und wollen auch nicht von ihren Thesen lassen. Auch wollen die Veranstalter des Kongresses nicht von einer Zusammenarbeit mit ihnen lassen. Das skandalöse an diesem Vorgang – dass nämlich unter der Tarnung der Wissenschaftlichkeit Positionen verbreitet werden, die mal mehr, mal weniger offen auf eine Pathologisierung von Schwulen und Lesben hinauslaufen – scheint sich auch der Wahrnehmung der hiesigen Universitätsleitung zu entziehen, die den Kongress in ihren Räumen stattfinden lassen will. Nachhilfe ist nötig.
Die Universität spielt auch eine Schlüsselrolle im nächsten Akt, der wiederum in puncto öffentliche Aufmerksamkeit eine weitere Steigerung darstellen dürfte. Es steht zu befürchten, dass diese Aufmerksamkeit überwiegend wohlwollender Art sein wird. Die Hauptrolle ist nämlich mit niemand anderem besetzt als dem Dalai Lama. Die Philipps-Universität will ihm am 3. August die Ehrendoktorwürde verleihen. Merkwürdig: ein seniler alter Herr, der allen Ernstes von sich behauptet, er sei das fleischgewordene und mehrfach wiedergeborene göttliche Mitleid, wird für diese Behauptung nicht ausgelacht oder in die treusorgenden Hände nicht-seelsorgerischer Psychotherapeuten übergeben, sondern bewundert und geliebt. Obendrein soll er, ein großer Verkünder von Kalenderweisheiten und ein Fossil aus Zeiten feudaler Herrschaft, nun also mit akademischen Würden ausgestattet werden.

IV.

Vor allem am Beispiel der christlichen Streiter für die Hetero-Familie wird klar, dass es für uns in der Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitisch ambitionierten Religiösen nicht nur um die Verteidigung abstrakter Prinzipien von Aufklärung, Vernunft und Mündigkeit geht. Wo der unverschämte Anspruch angemeldet wird, aus irrationalen Geistesgebilden Vorschriften für unsere Lebensführung abzuleiten, wird sie zu einem Akt der unmittelbaren Selbstverteidigung. Das gilt für das Recht auf Abtreibung wie für die Wahl von SexualpartnerInnen und -praktiken.
Nicht umsonst hat sich der Widerstand von Frauenbewegungen immer wieder am § 218 entzündet, und immerhin ist es gelungen ihn aufzuweichen. Damit wurden entscheidende Schritte in Richtung Selbstbestimmung und Ermächtigung von Frauen gemacht. Dass kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat bei der Entscheidung über Schwangerschaften mitzureden haben, ist Voraussetzung für einen gerechten, vernünftigen und verantwortungsvollen Umgang mit der Reproduktion der Gattung.
In Sachen Sex geht es um richtig verstandene Liberalität.1 Ein aufgeklärter öffentlicher Diskurs zu Spielarten, Möglichkeiten und Gefahren ist sinnvoll und hilfreich. Wer wann, mit wem, welchen Geschlechts wie oft ins Bett geht, was da passiert und ob dabei Hilfs- und Verhütungsmittel zum Einsatz kommen, bleibt aber Verhandlungssache zwischen den Beteiligten, genau so wie die Frage, ob der Rahmen dafür eine dauerhafte Beziehung, ein wie auch immer geartetes promiskuitives Arrangement oder eine einmalige Begegnung ist.
Diese Freiheiten werden wir uns nicht nehmen lassen. Wo sie angegriffen werden, ist die erste Aufgabe nicht sauberes Argumentieren, sondern Gegenangriff – „Kritik im Handgemenge, und im Handgemenge handelt es sich nicht darum, ob der Gegner ein edler, ebenbürtiger, ein interessanter Gegner ist, es handelt sich darum, ihn zu treffen“, um noch einmal den genannten Marx-Text zu bemühen. Wer uns wie verlorene Schäfchen behandeln und in die Herde des 50er-Jahre-Miefs zurückführen will, der mag noch so nett, zuvorkommend und wohlerzogen sein: Er möge doch bitte den Mund halten.

V.

Der Soziologe Erving Goffman hat einst den Ausspruch getätigt: „Das Geschlecht, nicht die Religion, ist das Opium des Volks.“ In den fundamentalistischen Bewegungen aller Couleur trifft beides zusammen: Die Idealisierung zwanghafter Modelle von Männern, Frauen und ihrem Zusammenleben steht immer im Zentrum ihrer Vorstellung einer Gesellschaft, die göttlichem Willen entspricht. Deswegen ist es auch kein Zufall, dass sie sich auf diesem Gebiet besonders berufen fühlen, die Welt mit ihren Einlassungen zu belästigen. Wo das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt, kann die bedrängte Kreatur in jenen Rollenschablonen Zuflucht suchen, die einer atavistischen Männerherrschaft entsprechen, und sich dabei im Einklang mit überirdischen Mächten wähnen.

VI.

Auch die großen Religionen haben ihre DissidentInnen hervorgebracht. Die radikalen Bauernbewegungen in den Reformationskriegen, die englischen Diggers und Levellers, die schwarzen Prediger der Sklavenbefreiung, die Befreiungstheologie lateinamerikanischer Provenienz… Die Geschichte bietet zahlreiche Beispiele emanzipatorischer Bewegungen, die sich religiöser Metaphorik bedienten, und deren erstes Ziel nicht die Erlösung der Seele, sondern die Befreiung der real existierenden Menschen war. Wo es um die menschenwürdige Einrichtung der Welt geht, treffen sich linke ChristInnen mit undogmatischen KommunistInnen, teilen sie doch die Einsicht, dass die Menschheit entweder auf der Erde Wirklichkeit wird oder gar nicht, erst recht nicht in einem phantasierten Jenseits. Mit Heinrich Heine:
Ein neues Lied, ein bess‘res Lied will ich euch dichten,
wir wollen hier auf Erden schon das Himmelreich errichten.

  1. Falsch verstandene Liberalität wäre z.B. das, was jene Anarcho-Hippies betreiben, die uns weismachen wollen, das Heil der Welt liege in dem, was sie „Freie Liebe“ nennen. Die freie Entscheidung in der Aushandlung von Beziehungen und Sexualität gilt eben auch dann, wenn das Ergebnis die treue Heteropartnerschaft ist. „Freie Liebe“ als Heilsideologie ist schon zu oft in sexuelle Ausbeutung gemündet: Wenn linke Männer darum wetteifern, wer die meisten rumkriegt und beischlafverweigernde Frauen als bourgeoise Zicken beschimpfen, oder wenn der New Age-Guru sich seinen Harem mit Befreiungsgelaber gefügig macht. [zurück]

1 Antwort auf “Die dunkle Seite der Macht – Zur Beweihräucherung von Vernunft, Hedonismus und Revolution”


  1. 1 NoPlace-Reader erschienen « Gruppe d.i.s.s.i.d.e.n.t. [Marburg] Pingback am 30. März 2010 um 11:59 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.