Der spanische Bürgerkrieg und die Linke II

Zweiter Teil unserer Veranstaltungsreihe
***UPDATE Der Workshop um 14.30h mit Ulrich Winter: Sinn vergangenheitspolitischer Debatten und Bedeutung für die Gegenwart: die Linke und der Gefangenentransport fällt leider aus – Der Rest findet wie geplant statt***

  • Hier gibts die Ankündigung und das Programm als PDF
  • Für uns, darauf bestanden wir, und wir hörten es bestätigt von denen, die von den Fronten kamen, war in Spanien die internationale Solidarität zur Abwehr des Faschismus angetreten. Diese Antwort war von absoluter Bestimmtheit (Peter Weiss, Die Ästethik des Widerstands)

    Im Hinblick auf inhaltliche Debatten über das Projekt der Abschaffung aller Verhältnisse, in denen der Menschen ein geknechtetes Wesen (Marx), über dahingehende strategische Fragestellungen, taktische Bündnisse und Allianzen sowie Organisations- und Politikformen kann in der politischen Geschichte der Linken viel gefunden werden – für den Pessimisten ein Sammelsurium an Widersprüchen, Fehlern wie auch dem Scheitern linker Politik; für den Optimisten (bestenfalls?) eine Geschichte des Scheiterns aus dezu lernen sei, um künftige und anstehende Kämpfe schlauer und erfolgreicher führen zu können. Der Spanische Bürgerkriegs war für die zeitgenössische (nicht nur, aber hauptsächlich) europäische Linke ein Kristallisationspunkt und politisches Problem, das ungeheure Hoffnungen, Illusionen und auch Kräfte freizusetzen vermochte – und: mit dem Sieg des spanischen Faschismus, unterstützt vom nationalsozialistischen Deutschland und dem italienischen Faschismus, einer weiteren derben Niederlage und (teilweise auch physischen Vernichtung) der „Linken“ endete.


    In der Veranstaltungsreihe „Der Spanische Bürgerkrieg und die Linke“ möchten wir uns mit den im spanischen Bürgerkrieg ausgetragenen gesellschaftlichen und politischen Konflikten befassen. Hierbei soll sowohl ein Verständnis für die sozialen Ursachen der im spanischen Bürgerkrieg ausgetragenen Konflikte als auch der politisch-ideologische Dimension (nicht nur, aber auch die des antifaschistischen Kampfes) erarbeitet werden. In einem Mix von Vorträgen, Workshops und einer Filmvorführung sollen unterschiedliche Perspektiven (wobei diejenigen der Linken im Vordergrund stehen) beleuchtet werden.

    Der Ex-Marburger Romanist Werner Krauss, dem als Kommunist im muffigen, postfaschistischen Marburg die Luft zum Leben zu dünn wurde und der sein Glück bald schon in der SBZ suchte – anders als Wolfgang Abendroth, der beharrlich die antikommunistische Stimmung und Repression in Marburg auszuhalten schien – kritisierte das politische Konzept des spanischen Anarchismus wegen seiner naiven Vorstellungswelten: „Nach der Meinung der Anarchisten würden ein paar verwegene Charaktere genügen, um den Umschlag der Revolution zu sichern und alle Problematik durch einen Gewaltstreich zu lösen. Der anarchistische Personalismus wird durch den Glauben an die spontane Schöpferkraft der Massen zur Mystik gesteigert“. Im Spanischen Bürgerkrieg spielten die anarchistischen Strömungen eine bedeutende Rolle, vor allem was das Vorantreiben des Projekts „Soziale Revolution“ betraf. Der spanische Anarchismus soll im Rahmen der Veranstaltungsreihe thematisiert werden, sowohl die Eigenart seiner Entstehung zu einer Massenbewegung im spanischen Volk, wie auch in seiner programatischen Entwicklung. Es werden Politikformen wie auch Vorstellungen anarchistischer Theorie und Praxis kritisch zu analysieren sein – letztlich auch, um auf eine Kritik an naiv-träumerischen Verkürzungen gewisser linker Politikkonzeptionen sprechen zu kommen.

    Eine weitere interessante Erscheinung im organisatorischen Wirrwarr der Linken im Spanischen Bürgerkrieg, der wir uns widmen wollen, ist der Partido de la Unifiación Marxista (POUM), Partei der marxistischen Vereinigung, die bekannt geworden ist durch den Film „Land and Freedom“ von Ken Loach. Anders als die moskautreue kommunistische Partei (PCE), trat die POUM neben dem Kampf gegen den Faschismus auch für die soziale Revolution ein. Der PCE, der zunächst die Verteidigung der Republik gegen den Faschismus anstrebte und sozialrevolutionäre Bestrebungen als verfrüht ansah, reagierte auf diese linkskommunistische Konkurrenzorganisation mit stalinistischer Härte. Ein dunkles Kapitel in der Geschichte des Spanischen Bürgerkriegs, dessen Gipfel die Entführung und Ermordung des POUM-Führers Andreu Nin durch den stalinistischen Geheim- und Säuberungsdienst GPU darstellte. Oder handelte es sich seitens der kommunistischen Partei doch nur, wie Luciano Canfora in seiner Geschichte der Demokratie mutmaßt, um die Durchsetzung einer Politik, „die das gemäßigte, aber der Republik gegenüber loyale Bürgertum nicht abschreckte“. Oder handelte es sich bei den Aktionen gegen die linke Opposition gar um notwendige Aktionen, da sowohl die POUM als auch anarchistische Organisationen durch Nazi-Agenten infiltriert waren – so die damalige stalinistische Begründungen der „Reinigungspolitik“, die Canfora im Lichte der heutigen Quellenlage bestätigt sieht (sic.!!!).

    Das traurige Kapitel der auch (mörderisch-)gewalttätigen innerlinken Auseinandersetzungen soll, neben der Fokussierung auf jene beiden linken Strömungen, selbstverständlich ebenso von Interesse sein. Nicht nur in den manifesten Auseinandersetzungen vor Ort, sondern auch in den höchst unterschiedlichen Wahrnehmungsweisen dessen, was denn in dieser historischen Epoche denn überhaupt geschehe oder: geschehen darf. Karl Korsch beklagte 1939 die systematische Informationssperre über den Prozess der sozialen Revolution seitens der parteikommunistischen Berichterstattung: eine „Verschwörung des Schweigens und der Entstellung (…), die den wirklichen revolutionären Aspekt der jüngsten spanischen Ergebnisse fast völlig ausgelöscht hat“. Was nicht sein darf, eine anders gestrickte Revolutionsmethode als 1917 ff., sollte halt auch nicht wahrgenommen werden…

    Nicht zuletzt spielt natürlich die Frage nach dem vergangenheitspolitischen Umgang mit dem historischen Ereignis des „Spanischen Bürgerkries“ eine wichtige Rolle. Dass auf historische Extremsituationen und –erfahrungen oft absurde Verdrängungsleistungen folgen, ist aus der deutschen Geschichte hinlänglich bekannt – die unsäglichen Formen deutscher Vergangenheitspolitik reichen bis in die jüngste Gegenwart. Auch der Umgang in der noch nicht so alten Demokratie Spaniens mit dem Spanischen Bürgerkrieg zeichnet sich durch bemerkenswerte Verdrängungsleistungen und verharmlosenden Fehlinterpretationen, vor allem entlang der Täter-Opfer-Achse, aus. Nach dem Übergang von der franquistischen Diktatur in die „demokratische Monarchie“ wurden auch seitens der Linken verblüffende Verdrängungsleistungen betrieben. Aus Angst davor, die Rechte und das Bürgertum könnten sich wieder zur politischen Herrschaftsform „Faschismus“ zurückkehren, waren die politischen Parteien der Linken von Anfang an mehr als kompromissbereit und verzichteten im Rahmen des so genannten „Pakt des Schweigens“ auf allzu aufmüpfige Nachfragen und Problematisierungen der blutigen Vergangenheit aus dem Bürgerkrieg und der Diktatur. Dass in der spanischen Öffentlichkeit offen geäußert wird, dass der Spanischen Bürgerkrieg hauptsächlich deshalb von der Rechten angezettelt wurde, um systematisch die Linke zu vernichten, hat eher den Stellenwert einer Ausnahme statt denjenigen einer selbstverständlichen Basisbanalität. Kurzum: die Mechanismen des vergangenheitspolitischen Umgangs mit dem Spanischen Bürgerkrieg, vor allem auch aus der Perspektive der Linken, soll ein weiteres Thema der Veranstaltungsreihe darstellen.

    Wir, die Gruppe d.i.s.s.i.d.e.n.t., wollen dazu einladen, über das konkrete historische Ereignis des Spanischen Bürgerkriegs zu diskutieren, über Strategien, Allianzen, Illusionen, Organisationsversuche und Fehler innerhalb der Linken. Die Fokussierung auf gewissse Organisierungsversuche und –überlegungen spiegelt unser eigenes, praktisches Interesse an einer zeitgemäßen Organisation linker politischer Zusammenhänge wider – eine Orientierung, die wir gegenwärtig im Organisierungsversuch linker Bewegungen und Projekte jenseits von Partei und Staat im Projekt der Interventionistischen Linken (IL) erproben.

  • Freitag, 16. Januar:
  • 19.00h Einführungsvortrag: „Spanischer Bürgerkrieg als innerspanischer Konflikt. Entwicklung und Deutung des Spanischen Bürgerkriegs“

    Walter Bernecker, Professor für Auslandswissenschaften/romanischsprachige Kulturen an der Uni Erlangen und ausgewiesener Experte für den Spanischen Bürgerkrieg, wird in seinem Vortrag aufzeigen, welche gesellschaftlichen Konfliktlinien es in der spanischen Gesellschaft vor 1936 gab und inwiefern diese in den Spanischen Bürgerkrieg mündeten. Neben einer Darstellung der zeitgenössischen Konfliktlinien soll die vergangenheitspolitischen Dimension und historische Bedeutung thematisiert werden.

    Phil-Fak, Wilhelm-Röpke-Straße, B-Block, 5.Stock

  • Samstag, 17. Januar:
  • 10-16.30h Workshops

    1. Der Anarchismus in Spanien und die innerlinken Auseinandersetzungen in der sozialen Revolution

    In kaum keinem anderen Land konnte sich eine derartig starke anarchistische Bewegung herausbilden, wie in Spanien – eine Ausnahme in der Geschichte der Arbeiterbewegung. Hierfür gibt es unterschiedliche Erklärungen – sozialgeschichtliche, aber auch politisch-ideologische. In diesem Workshop sollen die Spaltungslinien innerhalb der spanischen Arbeiterbewegung, die dann schließlich im Laufe des Bürgerkriegs und mit der Intervention internationaler politischer Kräfte aus der Linken zudem noch verstärkt wurden, nachgezeichnet werden. Neben der Perspektive auf die Entwicklung der unterschiedlichen Fraktionen in der Linken (Anarchismus, Sozialismus, Kommunismus), der Diskussion und Kritik anarchistischer Theorie und Praxis soll von Walter Bernecker auch das politisch-strategische Handeln im Spanischen Bürgerkrieg thematisiert werden.

    10-11.30h

    2. Linkskommunistisch und antistalinistisch – die POUM

    Durch den Film „Land and Freedom“ wurde einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, dass es auf linker Seite nicht nur die stalinistische KP und die AnarchistInnen gab, sondern auch eine kleine linkskommunistische Partei, die Partido Obrero de Unificacion Marxista (Arbeiterpartei der marxistischen Einheit). Vor allem in Katalonien erlangte die POUM einen gewissen Einfluss und kämpfte nicht nur gegen den Faschismus, sondern auch für die soziale Revolution. Aufgrund ihrer konsequent antistalinistischen und revolutionären Politik wurde sie als „trotzkistisch“ gebrandmarkt und vom sowjetischen Geheimdienst und den Stalinisten verfolgt. Viele ihrer Mitglieder mussten untertauchen und Spanien verlassen oder wurden sogar ermordet. Reiner Tosstorf (Historiker, Universität Mainz) wird die Politik der POUM und ihre Bedeutung erläutern und darstellen warum die Stalinisten diese kleine linkskommunistische Partei mit aller Macht verfolgten.

    11.45-13.30h

    3. Sinn vergangenheitspolitischer Debatten und Bedeutung für die Gegenwart: die Linke und der Gefangenentransport …

    In einem abschließenden Workshop wird der Marburger Romanist Ulrich Winter über die erlittenen Erfahrungen von Deportation und späterem Aufenthalt in Konzentrationslagern von ehemaligen „Spanien-Kämpfern“ berichten. In die Fangarme des spanischen Faschismus geraten, wurden viele „Rote“ ins KZ Mauthausen deportiert. Über dieses Kapitel des Spanischen Bürgerkriegs, die Zusammenarbeit des „internationalen Faschismus“ und die Zeugnisse von den erlittenen Erfahrungen der Deportierten soll es abschließend gehen, wobei vor allem die erinnerungspolitische Dimension von Interesse sein wird.
    Ulrich Winter (Professor , Uni Marburg)

    14.30-16.30h

    Alle Workshops im DGB-Haus, Bahnhofstr. 6

    Sonntag, 18. Januar:

    11.00h Vorpremiere: „Die Frau des Anarchisten“

    „No pasaran – Ihr kommt hier nicht durch“: Das war der legendäre Schlachtruf, den die republikanischen Verteidiger Madrids den Faschisten entgegenschleuderten. Im Winter 1937 ist die spanische Hauptstadt von faschistischen Einheiten eingeschlossen. MANUELA, eine junge Frau, hastet mit ihrer kleinen Tochter PALOMA durch die nächtlichen, von Kriegslärm erfüllten Straßen der belagerten Stadt. Ihr Mann, der Rechtsanwalt JUSTO ALVAREZ CALDERÓN, bekämpft Franco an zwei Fronten zugleich: im Radio als „Stimme der Revolution“ und in den Schützengraben vor Madrid. Er beweist, dass Helden, wenn es um die Freiheit geht, es verstehen dem Wort auch mit der Waffe Gehör zu verschaffen. Die Liebe, der Glaube an die gerechte Sache und die heilsame Kraft der Familie bilden das Gerüst dieser wahren Geschichte. Justo, dessen Name nicht von ungefähr „der Gerechte“ bedeutet, setzt an der Front vor Madrid täglich sein Leben auf Spiel, obwohl ihm seine Frau und seine Kinder alles bedeuten. Er will ihnen ein menschenwürdiges Leben in politischer Freiheit und Selbstbestimmung ermöglichen. Während Justos Einsatz in dem von Francos Truppen abgeschnittenen Norden von Spanien geht sein Haus im Bombenhagel der deutschen „Legion Condor“ in Flammen auf. Seine Frau Manuela sucht mit ihrer Tochter Paloma und dem kleinen Sohn RAFAEL in Justos Kanzlei beengten Unterschlupf – um so beengter, als Manuela bereits die ausgebombte Familie von PEDRO MUNOZ, Justos Sekretär, dort einquartiert hat.

    Cineplex, Biegenstraße 1a
    7,80 € Eintritt (incl. Glas Sekt; mit OP-Gutschein nur 6,80 €)

    Wegen eventuell kurzfristiger Programmänderungen informieren Sie sich bitte auf http://gruppedissident.blogsport.de/

    Eine Veranstaltungsreihe der gruppe d.i.s.s.i.d.e.n.t., mit Unterstützung des Referats für Antifaschismus und Antirassismus des AStA, der Uni Marburg, dem DGB Kreis Marburg-Biedenkopf , dem Cineplex und der Oberhessischen Presse.


    1 Antwort auf “Der spanische Bürgerkrieg und die Linke II”


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