Macht’s gut und danke für den Fisch

Die Gruppe d.i.s.s.i.d.e.n.t. tritt dieses Jahr nicht zu den Wahlen zum Studierendenparlament (StuPa) an. Die Beteiligung an StuPa und AStA war für uns ohnehin nie ein Selbstzweck — ParlamentarierIn spielen, weil’s so aufregend ist oder den Lebenslauf so schön aufplustert war nie unser Anliegen, und so haben wir uns jedes Jahr aufs Neue die Frage vorgelegt: Lohnt sich das? Können wir erwarten, dass sich die nicht immer spaßigen Mühen von Wahlkampf, Koalitionsbildung und AStA-Tagesgeschäft in einem ernstzunehmenden politischen Ertrag niederschlagen, oder konzentrieren wir uns lieber auf anderes? Diesmal haben wir uns für letzteres entschieden.

Hochschulpolitik war und ist für uns immer eingebettet in einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang. In den letzten Jahren haben sich die gesellschaftlichen Verhältnisse durch Veränderungen der Arbeitsmarktstruktur, Umbau der Sozialsysteme etc. massiv geändert. Diese Veränderungen machten und machen auch vor der Hochschule nicht halt. Bachelor und Masterstudiengänge haben die „alten“ Studiengänge nahezu überall abgelöst. Der Umbau der Universitäten zu Ausbildungsmaschinen mit erhöten Leistungsdruck, weniger Zeit, verschärften Zulassungsbeschränkungen ist vollbracht. Dies zu erkennen ist nicht schwer, aber diese Veränderungen bedeuten auch neue Anforderungen für die Politik an der Hochschule. Wie diese neue Situation aber konkret aussieht haben wir noch nicht beantwortet. Die Frage vor der wir stehen lautet: wie ist linke emanzipatorische Politik an der Hochschule angesichts der massiven Veränderungen möglich? Wo sind unsere Anknüpfungspunkte jenseits eines Lamentierens über die schlechten Bedingungen? Wir freuen uns über alle InteressentInnen die sich mit uns diesen Herausforderungen stellen wollen.

Explitzite Hochschulpolitik war noch nie das einzige Politikfeld, auf dem wir agieren. In den letzten Jahren hat sich unsere Praxis immer weiter von reiner Hoschulpolitik entfernt. Vielmehr ist unser Schwerpunkt die Soziale Frage geworden. Aktionen gegen Hartz IV und Privatisierung nahmen einen immer größeren Teil unserer Arbeit in Anspruch. Dies führte uns vor zwei Jahren in den bundesweiten Zusammenhang Interventionistische Linke, in dem wir gemeinsam Wege suchen, wie eine linksradikale Praxis aussehen kann, die tatsächlich in gesellschaftliche Verhältnisse eingreifen kann. Unsere Erfolge beim G8-Gipfel in Heiligendamm waren ein kleines Aufleuchten dessen, wie linke Politik aussehen kann.

Derzeit beschäftigen wir uns vor allem mit der Frage, wie konkreter Widerstand gegen die Verschlechterung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse bundesweit und auch in Marburg geleistet werden könnte. Auch im Bereich Ökologie steht die Linke vor neuen Herausforderungen. Wir wollen dieses Thema nicht den Grünen und auch nicht staatstragendenen NGOs überlassen. Die radikale Linke hat den Zusammenhang von Ökologie und Kapitalismus jahrelang vernachlässigt. Wir wollen im Vorfeld des Klimacamps in Hamburg, das vom 15.- 24. August 2008 stattfindet, mit einer Veranstaltung, auf der verschiedene Positionen diskutiert werden sollen, uns diesen Fragen stellen.

Bevor sich irgendwer zu früh freut: Das heißt jetzt aber nicht, dass wir uns auf immer aus der Hochschulpolitik verabschieden. Aber hochschulpolitisch einmischen können wir uns auch ohne Ämter innezuhaben. Und für einen neuen linken AStA sind wir nicht unverzichtbar. Linke Listen, die Hochschulpolitik zu ihrem wesentlichen Aktionsfeld auserkoren haben und die etwa in puncto Studiengebühren, Semesterticket, FemArchiv und Sozialreferat vernünftige Positionen vertreten, gibt es erfreulicherweise genug.

In diesem Sinne wünschen wir unseren FreundInnen und GenossInnen der linken Listen viel Erfolg bei den kommenden Wahlen!

I‘ll be back. Wählt links!