Archiv für November 2007

Warum noch ein Blog?

Dieser Blog soll dazu dienen die Kommunikation der Gruppe d.i.s.si.d.e.n.t. mit anderen Gruppen und Menschen zu verbessern. Da es hier die Möglichkeit gibt, für uns einfach Dinge online zu stellen und für uns und andere Menschen gibt es die einfache Möglichkeit, durch die Kommentarfunktion über die Inhalte zu diskutieren.

Hallo Marburg! sagt die (radikale) Linke

:::Welcome to the jungle, we have fun and games

Das Wintersemester hat begonnen und parallel zum Beginn des Semesters und des Studiums der gerade im Uni-Dschungel gestrandeten Neu-StudentInnen, vulgo Ersties, werden auch die Mensatische wieder bunter. In Hochglanz kommen sie daher, die Broschüren der zahlreichen parteipolitischen Hochschulgruppen. In bunten Farben stellt sich das immer noch relativ aktive Milieu der Marburger Hochschulpolitik vor – wenn auch in autistischen Formen wie im Fall des RCDS: „Uni macht man nicht mit links“. Die Wurstbanden aus der Lutherstraße laden dazu ein, in die Welt des deutschen Burschenschafters einzutauchen und „Marburg neu zu sehen und zu erleben“ – viel Spaß auf der weiteren Reise mit der deutschnationalen Brille. Jeder wie er/sie es verdient! Mit diesem Blättchen wollen wir, die Gruppe d.i.s.s.i.d.e.n.t., zeigen, dass Marburg politisch mehr zu bieten hat als die hinterwäldlerische Kameraden-Community des Deutschen Burschenschafters. Hier also einige Informationen wer wir sind und was wir tun.

:::Don‘t look back in anger

Seit 2000 arbeitet die Gruppe d.i.s.s.i.d.e.n.t, entstanden als Spätfolge des bundesweiten StudentInnenstreiks 1997/98, im Marburger Hochschulmilieu an der Ausbreitung kritischer Theorie und Praxis. Inzwischen engagieren sich Studierende, Promovierende, Erwerbslose und Beschäftigte im Rahmen unserer Gruppe für linke und emanzipatorische Politik. Ursprünglich stark in der Hochschule verankert – und somit mit Hochschulpolitik befasst – intervenieren wir mittlerweile auch in andere politische Felder wie der globalisierungskritischen Bewegung oder sozialen Kämpfen von ArbeiterInnen und Erwerbslosen. Ein weiterer Schwerpunkt unserer Gruppe liegt in der antifaschistischen Arbeit. Hier haben wir uns in der Vergangenheit vor allem mit studentischen Verbindungen auseinandergesetzt und deren antiegalitäre und männerbündische Verfasstheit kritisiert.
Da wir eine Gruppe akademisch geprägter Linker sind und waren, engagierten uns in der Vergangenheit hauptsächlich gegen den Umbau der Hochschule zum ausbildenden Dienstleistungsunternehmen, wie er beispielsweise in der Stärkung des Präsidiums auf Kosten der demokratischen Institutionen der Hochschule, der Einführung modularisierter Studiengänge (Bachelor/Master) und schließlich in der Einführung von allgemeinen Studiengebühren erkennbar wird. An den verschiedenen von StudentInnen, UniversitätsmitarbeiterInnen und Gewerkschaften geführten Protesten haben wir uns stets beteiligt, so u.a. am StudentInnenstreik 2003, den Protesten gegen die Einführung allgemeiner Studiengebühren der letzten Jahre in Hessen oder (im Rahmen des damaligen AStA) der Verfassungsklage gegen diese. Zudem haben wir in den vergangenen vier Jahren als Teil der Koalition das Beratungsangebot und die Politik des AStA getragen.

:::They want you lonely and silent
Unser Schwerpunkt der Hochschulpolitik liegt und lag darin, die Situation von Studentinnen und Studenten nicht isoliert zu betrachten, sondern als Betroffene eines alle Bereiche der Gesellschaft umfassenden Programms der Verschärfung von Wettbewerbs- und Konkurrenzdruck. Es geht uns darum die Gemeinsamkeiten mit anderen sozialen Protesten gegen diese Phänomene aufzuzeigen.
Der Umbau der Hochschule hin zu einem reinen Ausbildungsbetrieb, der nur noch berufliche Schlüsselqualifikationen vermittelt, ist Ergebnis eines solchen Programms im Wissenschafts- und Hochschulbildungssektor. Kritische Wissenschaft, die Kompetenzen zur Reflexion der eigenen Involviertheit der AkademikerInnen in Herrschaftsmechanismen vermittelte, wurde in den letzten Jahren fast überall verdrängt – am deutlichsten zeigt sich das in den einschneidenden Veränderungen am Institut für Politikwissenschaft, deren Gipfel die Streichung der Nachfolge-Professur von Frank Deppe ist. Diese Folgen eines konservativen und wirtschaftsliberalen Umbaus machen eine Veränderung von Hochschulpolitik notwendig.
Mangels einer Position gesellschaftskritischer Wissenschaft, die Solidarität Intellektueller herstellte, versuchen wir darauf hinzuweisen, dass die neoliberalen Angriffe auf verschiedene gesellschaftliche Bereiche gleichzeitig stattfinden und hieraus die notwendige Solidarität zu begründen. Auch die hauptsächlich aus Mittelschichthaushalten stammenden AkademikerInnen befinden sich zunehmend in unsicheren Arbeits- und Lebensverhältnissen außerhalb sozialer Sicherungssysteme wieder. Wenn sie auch noch weit von der Armut am unteren Drittel der Gesellschaft entfernt sind, werden sie jedoch von der Angst vor Erwerbslosigkeit und gesellschaftlichem Abstieg erfasst. Unserer Meinung nach muss eine gesellschaftliche (radikale) Linke versuchen, die verschiedenen Widerstände in den verunsicherten Milieus in Kommunikation zu bringen und eine Solidarisierung dieser Kämpfe zu erreichen.

:::vs. die Zurichtung durch die neoliberale Maschinerie
Doch gerade der hochschulische Alltag ist vermehrt durch eine Entsolidarisierung geprägt. Höchstens die Partikularinteressen einzelner Berufs- oder Statusgruppe sind noch formulierbar, was sich in der Auseinandersetzung einzelner Fachbereiche oder Institute um das viel zu knappe Geld ausdrückt. Die Entsolidarisierung setzt sich jedoch auch zwischen StudentInnen etwa in der Konkurrenz um Seminarplätze fort. Die Verschulung der Universität führt mit vermehrten Prüfungen und Selektion nach dem Bachelorabschluss in ein akademisches Proletariat und die Master-Elite zu einer Zurichtung der AkademikerInnen zu willigen Arbeitskräften und Zersplitterung der Interessen dieser Gruppe. Der angestrebte Wettbewerb während des Studiums setzt Menschen in der gleichen Lebenssituation zueinander in Konkurrenz und fördert den Opportunismus der an der Hochschule ausgebildeten. Das individuelle Durchkommen und Anpassen erscheint zweckmäßiger als ein gemeinsames Lernen und der Kampf um sinnvollere Studienorganisation. Ähnlich – wenn auch nicht so drastisch – wie im Rahmen der Zurichtung von Erwerbslosen durch die Kontrollmechanismen der Erwerbslosenbürokratie sollen den Unternehmen und dem öffentlichen Dienst unterwerfungswillige Arbeitskräfte geliefert werden. Diese sollen sich mit den Zielen ihrer ArbeitgeberInnen identifizieren und aus eigenem Antrieb umsetzen.

:::Kapitulation? Intervention!
Wie gut die Identifizierung funktioniert, zeigt u.a. die relativ reibungslose Umsetzung der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe durch Sachbearbeiterinnen und pädagogische Kräfte in Wohlfahrtsverbänden, Arbeitsagentur und Jobcentern. Gerade weil AkademikerInnen an diesen Entwicklungen beteiligt sind und sie teilweise auch vorantreiben, unterstützten wir die Proteste gegen Hartz IV. Wir haben versucht mit anderen sozialen Gruppen solidarisch zu handeln. So haben wir gemeinsam mit der Erwerbsloseninitiative Marburg an der Kampagne „Agenturschluss“ teilgenommen, in der Arbeitsagenturen zur Einführung von Hartz IV besucht und blockiert werden sollten. Darüber hinaus versuchten wir StudentInnen für die Solidarität mit den Beschäftigten der Universitätsklinika Marburg und Gießen zu gewinnen, die von der hessischen Landesregierung – als „Leuchttürme“ für die weitere Privatisierung des Gesundheitssektors und anderer staatlicher Sektoren – an den Gesundheitskonzern Rhön verkauft wurden. Wir beteiligten uns deshalb an der BürgerInneninitiative „Rettet die Klinika“, Demonstrationen in Marburg und Gießen, dem Volksbegehren gegen die Privatisierung und organisierten eine Veranstaltungsreihe zu Privatisierungsbestrebungen im Gesundheitssystem.
Der Weg unserer Politik heraus aus dem engen Fokus der Hochschulpolitik hat dazu geführt, dass wir zwar weiterhin an Kämpfen von StudentInnen teilnehmen, aber auch deren Lebenssituation jenseits der Hochschule in den Blick nehmen. StudentInnen zahlen nämlich nicht nur Studiengebühren und haben in der Hochschule immer mehr Leistungen zu erbringen, sondern werden auch noch im Supermarkt oder der Bahnhofsbuchhandlung als billige Arbeitskräfte ausgebeutet oder, wenn sie keinen deutschen Pass besitzen, von der Ausländerbehörde drangsaliert. Auch Akademikerinnen sind Ziele antifeministischer Kampagnen. Sie werden etwa im Rahmen der Debatte um den Rückgang der Geburtenrate zum Objekt einer neuen Geburtenkontrollpolitik. Mit der Forderung, dass sie mehr Kinder bekommen sollen, geht die Vorstellung einher, es könne sowohl die Geburtenrate stabilisiert werden, wie auch die Bildung der – dem akademischen Milieu entstammenden – Kinder gesichert werden. Die individuelle Entfaltung der Frauen interessiert dabei nicht. Diese bleibt in derartigen Vorstellungen allein ihren Partnern vorbehalten.

…im Zentrum der letzten beiden Jahren stand

…blocking g8…
Wir haben uns an der Mobilisierung gegen den G8-Gipfel beteiligt und begreifen uns als Teil der globalisierungskritischen Bewegung, die in ihrer bundesrepublikanischen Ausprägung in Heiligendamm und Rostock zum ersten Mal sichtbar wurde. Gemeinsam mit umweltpolitischen, internationalistischen, linken und linksradikalen Gruppen haben wir das Marburger Bündnis gegen den G8-Gipfel gegründet und die lokale Mobilisierung getragen.

…Interventionen gegen Zurichtungsmaßnahmen des Kapitals…
Wir haben im Augenblick im Bereich soziale Kämpfe unseren inhaltlichen Schwerpunkt. Wir diskutieren derzeit über verschiedene Ansätze, die den Widerstand gegen Sozialabbau erneut aufleben lassen sollen. Ziel ist es, das Potential der globalisierungskritischen Bewegung auch in lokale Kämpfe einzubringen. Privatisierung und geistiges Eigentum etwa sind ebenso Themen die öffentliche Güter in der BRD betreffen wie in der so genannten Dritten Welt. Gesundheit, Pflege oder Wissen werden zu Marktpreisen gehandelt. Vom Zugang zu diesen Gütern werden sowohl hier wie auch international Menschen ausgeschlossen. Soziale Bewegungen müssen diesen Ausschluss sowohl global als auch lokal thematisieren. Allerdings beschäftigen uns jenseits dieser bundesweit oder in der Kommune stattfindenden Kämpfe um die öffentliche Infrastruktur auch die in den letzten Jahren wieder zunehmenden Streiks und Möglichkeiten diese zu unterstützen.

…antifa action…
Nicht nur, aber vor allem die Wahlerfolge der NPD und die Übergriffe von Neonazis zeigen, dass Antifaschismus die Geschäftsgrundlage linker Politik in Deutschland bleiben muss. Wir werden auch weiterhin antifaschistische Aktionen gegen die verschiedensten Manifestationen von Rassismus, Nationalismus und Deutschtümelei organisieren und mittragen – Ideologien, die auch bei vermeintlichen „Demokratinnen und Demokraten“ wieder salonfähig sind.

Revolution ist kein Zuschauersport
Bundesweit arbeiten wir seit der Mobilisierung gegen den G8-Gipfel in der Interventionistischen Linken (IL) mit. Da wir die Frage linker Organisierung seit Jahren diskutieren, erscheint uns die Konstitution eines neuen linken Akteurs eine Chance für einen Fortschritt linksradikaler Politik. In der Interventionistischen Linken haben sich verschiedene linksradikale Einzelpersonen und Gruppen zusammengeschlossen, um soziale Bewegungen wieder in die Offensive zu bringen: Die Lebensverhältnisse der Menschen in der BRD und weltweit sollen sich deutlich verbessern, Alternativen zur militärischen Interventionen ergründet und der sie begleitende Terror zurückgedrängt werden und utopische Projekte wieder gesucht werden. Dazu muss die Zersplitterung undogmatisch linker Gruppen und Projekte und die Bedeutungslosigkeit einer gesellschaftlichen Linken jenseits der Linkspartei überwunden werden.
Der bundesweite Erfolg der Linkspartei zeigt zwar, dass die Kritik an Sozialabbau, Privatisierung und an der Unterordnung der Bedürfnisse der Erwerbslosen, Beschäftigten, StudentInnen, etc. unter den Standort D zugenommen hat, aber auch, dass die Hoffnung auf einen Stellvertreter der eigenen Bedürfnisse immer noch groß ist. Staatsgläubigkeit und die damit verbundene Vorstellung, gesellschaftliche Veränderungen müssten an die Politik delegiert werden, prägt immer noch große Teile der Bevölkerung. Die Erkenntnis, dass nur die eigene Tätigkeit die eigenen Interessen und Bedürfnisse zur Geltung bringen kann, scheint sich trotz der negativen Erfahrungen mit der SPD und den Grünen – das Absorption kritischer Ansätze durch den parlamentarischen Apparat – nicht durchgesetzt zu haben. Darin liegt auch unsere Skepsis gegenüber dem Hochschulverband der Linkspartei begründet. Unsere Perspektive dagegen ist die Formierung einer gesellschaftlichen Linken (mit einer radikalen Strömung), die verschiedene Kämpfe miteinander und linken Gruppen in Kontakt bringt und voneinander lernen lässt. Die Bedürfnisse der AktivistInnen dieser Bewegungen müssen von ihnen selbst durchgesetzt werden und nicht von einer sie repräsentierenden Organisation. Im Rahmen des noch in den Kinderschuhen steckenden Projektes der Interventionistischen Linken hoffen wir eine Praxis zu entwickeln, die die Autonomie der Kämpfe zur Voraussetzung hat und gleichzeitig grundlegende gesellschaftliche Veränderungen erneut realistisch werden lässt.

In diesem Semester werden wir wieder verschiedenste Veranstaltungen organisieren und über die Möglichkeit, die widerständigen Protestformen der G8-Proteste in Marburg fortzusetzen, nachdenken. Haltet Ausschau nach weiteren Ankündigungen!
Wenn ihr Ideen für Aktionen habt und nach Unterstützung sucht oder uns Anregungen für unsere politische Arbeit mitteilen wollt, freuen wir uns, wenn Ihr uns an Infoständen oder Aktionen ansprecht oder per e-mail kontaktiert. Natürlich könnt ihr auch bei uns mitarbeiten. Wenn ihr Interesse habt, schreibt uns eine e-mail und wir treffen uns mit euch, um zu sehen ob es menschlich und politisch passt.

Neues Blog

in Arbeit…..